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Westfalia liegt nach
21 Minuten mit 0:3 zurück und biegt die Partie mit unglaublicher
Moral noch um. Zuschauer sehen Fußball mit höchstem
Unterhaltungswert. Mike Büskens´ Gratulation "aus tiefstem Herzen".
Was mache ich, wenn ich nach 21 Minuten 0:3 zurück liege? Die Waffen
strecken, die Stollen abschrauben, mir die Bude vollhauen lassen?
Das wäre die übliche Variante. Aber nicht bei Westfalia Herne.
Was mache ich, wenn ich nach 21 Minuten zwei Gegentore und einen
Elfmeter verbockt habe? Im Erdboden versinken, heulend davonlaufen,
wünschen, ich wäre im Bett geblieben? Das wäre eine verständliche
Reaktion. Aber nicht bei Stefan Urbainski.
Und weil das so ist, weil die Mannschaft Charakter hat und mit ihr
jeder einzelne Spieler, wurde aus dem Albtraum ein Traum, aus der
Klatsche ein Sieg. Kein unbedingt wichtiger, aber einer der
schönsten der letzten Jahre.
Mindestens einen neuen Fan hat der SCW gestern gewonnen: Mike
Büskens. Denn die Herner zeigten genau das, was den "Eurofighter"
stets ausgezeichnet hat - und was er, zumindest gestern, bei seinen
Jungspunden vermisste: Moral, Kampfgeist, Einstellung. Deshalb kam
seine Gratulation "aus tiefstem Herzen", obwohl ihn die Schlappe
ehrlich schmerzte. "Es tut mir als Fußballer weh, wenn ich sehe, wie
man eine solche Chance einfach wegschmeißt."
Man kann´s dem Schalker Trainer nachfühlen. Verl und Bielefeld
ließen Punkte, Schalke wäre mit einem Dreier ganz dick drin gewesen
im Aufstiegsgeschäft. Das dürfte sich jetzt erledigt haben.
Dabei servierten die Herner anfangs die Geschenke auf dem
Silbertablett. Sie kombinierten zwar flott und flüssig, doch
Urbainskis Aussetzer ließen sie früh und klar ins Hintertreffen
geraten. Fast hätte Christian Erwig einen weiteren Fehler zum
Hattrick und damit zum 0:4 genutzt (28.).
Was dann kam, hat selbst Willi Landgraf in mehr als 500
Zweitligaspielen selten erlebt. Herne ließ die Köpfe nicht hängen,
sondern kämpfte, kombinierte, schlug Flanken - und hatte im Schalker
Strafraum die Lufthoheit. Adrian Ceteras Kopfball verlängerte
Dominik Behrend ins Netz, kurz darauf platzierte Arben Tahiri
Neumanns weiten Freistoß per Kopf ins lange Eck. Und dann schritt
der Kapitän höchstselbst zur Tat: Wunderschön schlenzte Neumann
einen Freistoß in den Winkel - selbst Diego hätte applaudiert.
In der Pause wackelten in der S04-Kabine die Wände. Nach fünf
Minuten schon kam Büskens wieder heraus. Doch sein Donnerwetter
blieb ungehört. "So ist das, wenn man nachlässig wird. Dann kann man
den Schalter nicht mehr umlegen", ahnte Buyo das Desaster. Und
behielt Recht. Es gab zwar Chancen hüben wie drüben, doch der SCW
war galliger und wurde durch Michael Erzens 4:3 belohnt. Mit etwas
mehr Kaltschnäuzigkeit bei den späten Kontern wäre auch ein fünftes
oder sechstes SCW-Tor möglich gewesen.
Alle Herner waren selig, besonders Stefan Urbainski, der sich später
reinkämpfte und in der zweiten Hälfte eine starke Leistung bot. "Ich
muss mich bei den Jungs bedanken, dass sie das umgebogen haben."
Trainerstimmen:
Mike Büskens: " ... Ich möchte der Westfalia zu diesem Sieg
aus tiefstem Herzen gratulieren, und zwar aus folgendem Grund: Weil
Westfalia nicht nur am Boden lag, sondern schon eingegraben war.
Aber dann hat sie sich a) wieder ausgebuddelt, und b) hat Westfalia
dann gezeigt, was man zeigen muss, wenn man am Boden liegt:
Charakter! Allerhöchsten Respekt vor dieser Leistung, nach einem 0 :
3 wieder aufzustehen. Ich habe die ganze Woche vor dieser
Eigenschaft gewarnt, denn sie ist es, die diese Mannschaft stark
macht. Aus unserer Sicht bin ich natürlich enttäuscht, gerade wenn
ich die anderen Ergebnisse höre. Man schmeißt eine so große Chance
einfach weg, das tut mir als Fußballer im Herzen weh. Wenn ich diese
Nachlässigkeiten sehe, soll keiner kommen und sagen, dass er
höherklassig Fußball spielen will. Der wird nur ausgelacht. ... "
Horst Albert: " ... Mike hat alles gesagt. Ich habe nach
diesem Spiel gesundheitliche Probleme. Nach dem 0 : 3 habe ich
geglaubt, das gibt ein Debakel. Wir waren ganz unten, aber dann
haben wir die Westfalia gesehen, wie wir sie lieben. Ich habe
Riesenrespekt vor der Truppe, sie macht einfach nur Spaß. ... "
SC Westfalia Herne - FC
Schalke 04 II 4:3
Tore: 0:1 (7.) Loose,
0:2 (16.) Erwig (Foulelfmeter, Urbainski an Dallevedove), 0:3 (21.)
Erwig, 1:3 (26.) Behrend, 2:3 (33.) Tahiri, 3:3 (37.) Neumann, 4:3
(66.) Erzen.
SCW: Bautz - Neumann - Urbainski, Seidel - Barton, Gebauer, Urban,
Tahiri (85. Köse), Behrend - Cetera (74. Makarchuk), Erzen (90.
Grüterich).
S04: Tapalovic - Kunert, Bayram (75. Öztürk), Grembowietz, T. Kilian
(49. A. Kilian) - Landgraf, Loose, Dallevedove, Ohnesorge (71.
Lewejohann) - Erwig, Heppke.
SR: Christian Peters (Goch).
Zuschauer: 520.
29.04.2007 Von Wolfgang Volmer
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