PRESSE
Das ist Herne
 

30.04.07

Westfalia liegt nach 21 Minuten mit 0:3 zurück und biegt die Partie mit unglaublicher Moral noch um. Zuschauer sehen Fußball mit höchstem Unterhaltungswert. Mike Büskens´ Gratulation "aus tiefstem Herzen".

Was mache ich, wenn ich nach 21 Minuten 0:3 zurück liege? Die Waffen strecken, die Stollen abschrauben, mir die Bude vollhauen lassen? Das wäre die übliche Variante. Aber nicht bei Westfalia Herne.

Was mache ich, wenn ich nach 21 Minuten zwei Gegentore und einen Elfmeter verbockt habe? Im Erdboden versinken, heulend davonlaufen, wünschen, ich wäre im Bett geblieben? Das wäre eine verständliche Reaktion. Aber nicht bei Stefan Urbainski.

Und weil das so ist, weil die Mannschaft Charakter hat und mit ihr jeder einzelne Spieler, wurde aus dem Albtraum ein Traum, aus der Klatsche ein Sieg. Kein unbedingt wichtiger, aber einer der schönsten der letzten Jahre.

Mindestens einen neuen Fan hat der SCW gestern gewonnen: Mike Büskens. Denn die Herner zeigten genau das, was den "Eurofighter" stets ausgezeichnet hat - und was er, zumindest gestern, bei seinen Jungspunden vermisste: Moral, Kampfgeist, Einstellung. Deshalb kam seine Gratulation "aus tiefstem Herzen", obwohl ihn die Schlappe ehrlich schmerzte. "Es tut mir als Fußballer weh, wenn ich sehe, wie man eine solche Chance einfach wegschmeißt."

Man kann´s dem Schalker Trainer nachfühlen. Verl und Bielefeld ließen Punkte, Schalke wäre mit einem Dreier ganz dick drin gewesen im Aufstiegsgeschäft. Das dürfte sich jetzt erledigt haben.

Dabei servierten die Herner anfangs die Geschenke auf dem Silbertablett. Sie kombinierten zwar flott und flüssig, doch Urbainskis Aussetzer ließen sie früh und klar ins Hintertreffen geraten. Fast hätte Christian Erwig einen weiteren Fehler zum Hattrick und damit zum 0:4 genutzt (28.).

Was dann kam, hat selbst Willi Landgraf in mehr als 500 Zweitligaspielen selten erlebt. Herne ließ die Köpfe nicht hängen, sondern kämpfte, kombinierte, schlug Flanken - und hatte im Schalker Strafraum die Lufthoheit. Adrian Ceteras Kopfball verlängerte Dominik Behrend ins Netz, kurz darauf platzierte Arben Tahiri Neumanns weiten Freistoß per Kopf ins lange Eck. Und dann schritt der Kapitän höchstselbst zur Tat: Wunderschön schlenzte Neumann einen Freistoß in den Winkel - selbst Diego hätte applaudiert.

In der Pause wackelten in der S04-Kabine die Wände. Nach fünf Minuten schon kam Büskens wieder heraus. Doch sein Donnerwetter blieb ungehört. "So ist das, wenn man nachlässig wird. Dann kann man den Schalter nicht mehr umlegen", ahnte Buyo das Desaster. Und behielt Recht. Es gab zwar Chancen hüben wie drüben, doch der SCW war galliger und wurde durch Michael Erzens 4:3 belohnt. Mit etwas mehr Kaltschnäuzigkeit bei den späten Kontern wäre auch ein fünftes oder sechstes SCW-Tor möglich gewesen.

Alle Herner waren selig, besonders Stefan Urbainski, der sich später reinkämpfte und in der zweiten Hälfte eine starke Leistung bot. "Ich muss mich bei den Jungs bedanken, dass sie das umgebogen haben."

Trainerstimmen:

Mike Büskens: " ... Ich möchte der Westfalia zu diesem Sieg aus tiefstem Herzen gratulieren, und zwar aus folgendem Grund: Weil Westfalia nicht nur am Boden lag, sondern schon eingegraben war. Aber dann hat sie sich a) wieder ausgebuddelt, und b) hat Westfalia dann gezeigt, was man zeigen muss, wenn man am Boden liegt: Charakter! Allerhöchsten Respekt vor dieser Leistung, nach einem 0 : 3 wieder aufzustehen. Ich habe die ganze Woche vor dieser Eigenschaft gewarnt, denn sie ist es, die diese Mannschaft stark macht. Aus unserer Sicht bin ich natürlich enttäuscht, gerade wenn ich die anderen Ergebnisse höre. Man schmeißt eine so große Chance einfach weg, das tut mir als Fußballer im Herzen weh. Wenn ich diese Nachlässigkeiten sehe, soll keiner kommen und sagen, dass er höherklassig Fußball spielen will. Der wird nur ausgelacht. ... "

Horst Albert: " ... Mike hat alles gesagt. Ich habe nach diesem Spiel gesundheitliche Probleme. Nach dem 0 : 3 habe ich geglaubt, das gibt ein Debakel. Wir waren ganz unten, aber dann haben wir die Westfalia gesehen, wie wir sie lieben. Ich habe Riesenrespekt vor der Truppe, sie macht einfach nur Spaß. ... "

SC Westfalia Herne - FC Schalke 04 II 4:3

Tore: 0:1 (7.) Loose, 0:2 (16.) Erwig (Foulelfmeter, Urbainski an Dallevedove), 0:3 (21.) Erwig, 1:3 (26.) Behrend, 2:3 (33.) Tahiri, 3:3 (37.) Neumann, 4:3 (66.) Erzen.

SCW: Bautz - Neumann - Urbainski, Seidel - Barton, Gebauer, Urban, Tahiri (85. Köse), Behrend - Cetera (74. Makarchuk), Erzen (90. Grüterich).

S04: Tapalovic - Kunert, Bayram (75. Öztürk), Grembowietz, T. Kilian (49. A. Kilian) - Landgraf, Loose, Dallevedove, Ohnesorge (71. Lewejohann) - Erwig, Heppke.

SR: Christian Peters (Goch).

Zuschauer: 520.

29.04.2007 Von Wolfgang Volmer
 

Quelle: WAZ Herne

 

 

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