Zweimal rettet die Latte für Lotte.
Westfalia Herne steht auch beim
Tabellenvierten dicht vor einem Sieg, kann
seine Chancen aber auch in Überzahl nicht
nutzen. Sven Barton kaum zu halten.
Vom Glück muss sich Westfalia Herne dieser
Tage wirklich nicht verfolgt fühlen. Wie
zuletzt aus Lippstadt und Münster brachte
die Elf von Frank Schulz zwar auch aus Lotte
einen Punkt mit, aber erneut waren es die
Gastgeber, die nach dem Schlusspfiff jubelnd
die Arme hoch rissen. Zu Recht, waren es
doch die Gäste, die nach einer überlegen
geführten zweiten Hälfte mit zwei
Alu-Treffern dichter vor dem Sieg standen.
"Heute bin ich ziemlich niedergeschlagen.
Man muss nur sehen, wo wir stehen könnten",
trauerte Schulz den sechs Punkten nach, die
seine Jungs in den letzten drei
Auswärtsspielen liegen ließen. Eine
entlarvende Aussage, was seine "heimlichen
Ziele" anbelangt. Offiziell hatte der
SCW-Coach nämlich bislang stets von der
NRW-Liga gesprochen, die es zu erreichen
gelte. Und der ist Herne durch die
Bielefelder Niederlage in Hamm ein gutes
Stück näher gekommen.
Auch die Mannschaft empfand das nur als
schwachen Trost. Sie zeigte in der
sonnendurchfluteten PGW-Arena erneut eine
grundsolide Partie und war dem spielstarken
Tabellenvierten stets ebenbürtig.
In der ersten Hälfte neutralisierten sich
beide Teams und ließen kaum Chancen zu. Das
Spiel hatte Tempo, Rasanz und bot hübsche
Ballstafetten, am Ende war es aber immer ein
Abwehrspieler, der den entscheidenden
Zweikampf gewann. Norman Seidel und Tim
Gebauer ließen Lottes Assen
Böwing-Schmalenbrock und Dondorf kaum
Spielraum, auf der Gegenseite konnten auch
Edin Terzic und Co. wenig ausrichten. Nur
bei einigen langen Bällen auf Gueraslan
verschätzte sich die Herner Abwehr, doch der
quirlige SF-Stürmer kam nie richtig zum
Abschluss.
Nach der Pause kamen die Gäste mit mehr
Schwung aus der Kabine. Vor allem Sven
Barton, der erst nach dem Aufwärmen grünes
Licht für seinen Einsatz gab, machte auf der
rechten Seite viel Betrieb und überlief ein
ums andere Mal die Lotter Abwehr. Doch weder
mit seinen Schüssen noch mit seinen Flanken
hatte der Flügelflitzer Glück.
Als
Jan Kreuzheck wieder einmal zu spät kam und
Barton im Mittelkreis umsenste, zückte
Schiri Enes Krupic Rot - zu hart, wie selbst
die Herner meinten. Was sie nicht davon
abhielt, nun noch konsequenter auf Sieg zu
spielen. Binnen 60 Sekunden trafen Terzic
per Kopf und Barton mit einem 15m-Kracher
nur die Latte (60.). Die Lotter Abwehr
geriet nun ins Schwimmen, der SCW konnte
aber auch einige weitere brenzlige
Situationen nicht nutzen. Und hatte Glück,
dass Baum in der Schlussphase
Böwing-Schmalenbrocks Volleyschuss wie auch
den Versuch des zu lange zögernden Ex-Hernes
Tobi Urban abblockte. Andernfalls hätte
Frank Schulz wohl Jürgen Wegmann zitieren
müssen. "Erst hasse kein Glück, und dann
kommt auch noch Pech dazu" - zumindest das
blieb dem SCW erspart. Noch ist alles drin.
Sportfreunde Lotte - SC Westfalia Herne 0:0
SFL: Poggenborg - Lodter, Schiersand,
Leimbrink, Kreuzheck - Hozjak (62. Heger),
Langenstroer, Dondorf, Schneider - Gueraslan
(62. Schütte), Böwing-Schmalenbrock (87.
Urban).
SCW: Bautz - Mustroph - Seidel, Baum -
Barton, Gebauer, Gidaszewski (67. Tahiri),
Kluy - Behrend, Badur - Terzic.
SR: Enes Krupic (Moers).
Zuschauer: 830.
Rote Karte: Kreuzheck (Lotte/54.).
Trainerstimmen:
Frank Schulz (SCW): Ich komme
immer wieder gerne nach Lotte ins schönste
Stadion der Oberliga. In der ersten Halbzeit
war das Spiel pari, beide Mannschaften haben
sich neutralisiert. In der zweiten Hälfte
sah das anders aus, da hätten wir ganz klar
den Sieg verdient gehabt. Ich habe selten
eine Mannschaft gesehen, die sich nach dem
Schlusspfiff über einen Punkt so gefreut hat
wie Lotte heute. Obwohl wir erneut zwei
Punkte abgegeben haben, bin ich riesenstolz
auf meine Truppe, die sich klasse
präsentiert hat. Ich hoffe, dass wir auch
die letzten vier Spiele noch durchstehen und
die NRW-Liga schaffen.
Manfred Wölpper (SFL): Wir
haben heute das Quäntchen Glück gehabt. In
der ersten Halbzeit war das Spiel
ausgeglichen. Durch die Rote Karte, die
völlig überzogen war, ist das Spiel in
gewisse Bahnen gelenkt worden. In den
letzten Minuten hätten wir sogar noch
gewinnen können, aber das wäre nicht
verdient gewesen.
Kommentar:
Nachholbedarf
Entschieden ist noch nichts, die Richtung
aber zeichnet sich ab. Westfalia Herne wird
allem Anschein nach in der nächsten Saison
der neuen NRW-Liga angehören. So stabil und
gefestigt, wie die Schulz-Elf seit Monaten
auftritt, wird sie die theoretisch noch
fehlenden vier Punkte gewiss einfahren.
Schließlich gab es in den letzten 18 Spielen
nur eine Niederlage. Völlig zu Recht
verweist Frank Schulz mit Stolz darauf, dass
sein Team auch gegen die Topklubs Münster,
Schalke, Bochum und Lotte die bessere
Mannschaft war und mit etwas Glück aus
diesen Partien statt acht auch volle zwölf
Punkte hätte holen können.
Sportlich ist der SCW also auf Augenhöhe mit
den künftigen Regionalligisten. In der
Infrastruktur aber hinkt er doch mächtig
hinterher, wie jüngst erst die
Stadionbegehung durch eine DFB-Kommission
aufgezeigt hat. Das alte Herner Stadion hat
großen Charme, liegt aber in Sachen
Sicherheit, Komfort und Ausstattung um
Lichtjahre hinter dem, was zum Beispiel in
Lotte entstanden ist. Da können sich Jürgen
Stieneke und Co. noch so abstrampeln - ohne
großzügige Hilfe, vor allem durch die Stadt,
werden sie diese Lücke nie schließen können.
Von Wolfgang Volmer