PRESSE

Mit wenig viel erreicht
 

07.06.08

Rückblick auf die Oberligasaison

„Wir waren die stärkste Mannschaft der Oberliga”, sagt Timur Camci. Der neue Sportliche Leiter blickt im WAZ-Interview auf sein erstes halbes Jahr beim SCW zurück. Und rühmt die Arbeit von Trainer Schulz.

Zur Person:
Timur Camci (41) kam drei Wochen nach seiner Geburt in der Türkei nach Gelsenkirchen, wo er bis heute wohnt. Aktiv kickte er für den SC Hassel. 1993 war Camci Mitgründer von YEG Hassel, den er als 2. Vorsitzender bis in die Landesliga führte - auch mit Hilfe seines vermögenden Freundes Uwe Drzeniek. Zusammen wechselten Sponsor und Sportlicher Leiter 2006 zu Germania Gladbeck, wo sie nach dem Oberligaaufstieg „die Lust verloren”.


Sie sind im Winter als Sportlicher Leiter zur Westfalia gekommen. Was hat Sie am meisten überrascht?

Camci: Dass ich eine komplett intakte Mannschaft vorgefunden habe. Das konnte man als Außenstehender nicht sehen und war auch vom Tabellenbild zu dem Zeitpunkt nicht zu erwarten. Und dann habe ich einen Toptrainer angetroffen, der jedes Jahr Topleistungen abliefert und mit vielen neuen Leuten eine richtige Mannschaft formt. Noch mehr überrascht hat mich das Umfeld. Hier spürt man immer, welche Tradition dahinter steckt. Vom Hörensagen kannte ich das. Aber wenn man es Tag für Tag mitlebt, wird einem bewusst, um was für einen großen Verein es sich handelt.

Wie bewerten Sie die Saison?

Camci: Wenn ich die Hinrunde nicht in Betracht ziehe, als überaus positiv. Die Mannschaft hat überdurchschnittliche Leistungen gebracht, es hat einfach alles gepasst. Das war die Handschrift des Trainers, der ein Team geformt hat, das in meinen Augen das stärkste der Liga gewesen ist, was die Geschlossenheit, den Charakter, auch das Leistungsvermögen betrifft.

Hört sich an, als seien Sie ganz schnell ein Frank-Schulz-Fan geworden.

Camci: Ich bin Fan des Erfolgs, von erfolgsorientiertem Arbeiten. Wenn jemand genauso erfolgsorientiert ist und so akribisch arbeitet wie ich, bewundere ich das.

Ist Platz fünf für die stärkste Mannschaft der Liga dann nicht doch enttäuschend?

Camci: Wer vor der Rückrunde gesagt hätte, Westfalia Herne würde noch ein Wörtchen um den Aufstieg in die Regionalliga mitreden, hätte den jeder für verrückt erklärt. Ziel war ganz klar die Qualifikation für die NRW-Liga. Aber dass die Mannschaft so viel Potenzial hat und eine so grandiose Serie hinlegt, hätten selbst größte Optimisten nicht für möglich gehalten.

Sind Sie gar nicht traurig, dass es nicht ganz zu Platz vier gereicht hat?

Camci: Wenn ich einige Spiele Revue passieren lasse, wo wir Punkte verschenkt haben, tut das schon weh. Denken Sie nur an Lippstadt und Münster, das waren schon die vier Punkte, die gefehlt haben. Vom Betriebsunfall Bielefeld gar nicht zu reden. Trotzdem: Wenn ich den Aufwand sehe, finanziell wie personell, den andere betrieben haben, kann ich nur stolz sein. Mit wenigen Mitteln und viel Arbeit waren wir die beste Mannschaft der Liga. Das sehe ich wirklich so.

Wer war für Sie der Spieler der Saison?

Camci: Die Mannschaft, das Kollektiv.

Gab es auch negative Erlebnisse?

Camci: Ja, gab es auch. Als Jürgen Stieneke, Klaus Großheim und ich das operative Geschäft übernommen haben, hatten wir vom aktuellen Vorstand nicht die erhoffte Unterstützung. Wir hatten keine Planungssicherheit, keine Handlungskompetenz. Das haben wir zum Glück wieder in die richtigen Bahnen gelenkt.

Wo lagen die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Camci: Überall. Es gab kaum einen Tag, an dem Westfalia mich nicht beschäftigt hat. Ich bin bei jedem Training, habe immer ein offenes Ohr für jeden Spieler. So aufwändig hatte ich mir das nicht vorgestellt, das ist fast ein Fulltime-Job. Aber das gilt auch für Stieneke oder Schorsch Ortmann. Oft fragen wir uns, ob uns das nicht über den Kopf wächst. Aber da ist ja auch der Faktor Spaß dabei, und deshalb kriegen wir das gebacken.

Sie haben alle Leistungsträger halten können. Freuen Sie sich trotz der vielen Arbeit auf die nächste Saison?

Camci: Ich hoffe schon, dass es weniger stressig wird. Aber wir werden weiter leidenschaftlich an der Sache arbeiten. Da liege ich mit Frank Schulz auf gleicher Wellenlänge. Er hätte auch gern mit einem El-Nounou, einem Erzen weiter gemacht, aber er musste Jahr für Jahr eine neue Mannschaft aufbauen. Jetzt versuchen wir ihm die Möglichkeit zu geben, mit einer eingespielten Mannschaft und gezielten Verstärkungen in die Saison zu gehen. Da kann man Jürgen Stieneke gar nicht genug danken. Ohne sein Okay würde das alles nicht funktionieren.

Welche Erwartungen haben Sie an die nächste Spielzeit?

Camci: In der NRW-Liga wäre das Ziel der Aufstieg, ganz klar. Das verlange ich auch, weil wir die beste Mannschaft der Oberliga Westfalen waren und gute Verstärkungen geholt haben. Also gehen wir als Favorit in die Liga.

Und in der Regionalliga?

Camci: Ich bin von den Fähigkeiten unseres Trainers total überzeugt. Er wird das Optimale herausholen, wir würden auch in der Regionalliga eine sehr, sehr gute Rolle spielen. Frank Schulz ist absoluter Profi. Und es geht mir nicht in den Kopf, dass so ein Mann nicht im Profi-Fußball Fuß fasst. Er hätte auch da Erfolg, hundertprozentig.

Spuckt ein kleiner Mann da nicht sehr große Töne?

Camci: Ich will Erfolg, will immer weiter. Um irgendwo im Mittelfeld zu krebsen, ist der Aufwand zu hoch. Wenn ich wie RW Essen mit einem Sieben-Millionen-Etat in die Saison gehe und es nicht schaffe, die Liga zu halten, dann würde ich mich in Grund und Boden schämen. Dann würde ich nie mehr was im Fußball machen.
 

von Wolfgang Volmer
 

Quelle: WAZ Herne

 

 

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