Rückblick auf die Oberligasaison
„Wir waren die stärkste Mannschaft der
Oberliga”, sagt Timur Camci. Der neue
Sportliche Leiter blickt im WAZ-Interview
auf sein erstes halbes Jahr beim SCW zurück.
Und rühmt die Arbeit von Trainer Schulz.
Zur
Person:
Timur Camci (41) kam drei Wochen nach seiner
Geburt in der Türkei nach Gelsenkirchen, wo
er bis heute wohnt. Aktiv kickte er für den
SC Hassel. 1993 war Camci Mitgründer von YEG
Hassel, den er als 2. Vorsitzender bis in
die Landesliga führte - auch mit Hilfe
seines vermögenden Freundes Uwe Drzeniek.
Zusammen wechselten Sponsor und Sportlicher
Leiter 2006 zu Germania Gladbeck, wo sie
nach dem Oberligaaufstieg „die Lust
verloren”.
Sie sind im Winter als Sportlicher Leiter
zur Westfalia gekommen. Was hat Sie am
meisten überrascht?
Camci: Dass ich eine komplett intakte
Mannschaft vorgefunden habe. Das konnte man
als Außenstehender nicht sehen und war auch
vom Tabellenbild zu dem Zeitpunkt nicht zu
erwarten. Und dann habe ich einen Toptrainer
angetroffen, der jedes Jahr Topleistungen
abliefert und mit vielen neuen Leuten eine
richtige Mannschaft formt. Noch mehr
überrascht hat mich das Umfeld. Hier spürt
man immer, welche Tradition dahinter steckt.
Vom Hörensagen kannte ich das. Aber wenn man
es Tag für Tag mitlebt, wird einem bewusst,
um was für einen großen Verein es sich
handelt.
Wie bewerten Sie die Saison?
Camci: Wenn ich die Hinrunde nicht in
Betracht ziehe, als überaus positiv. Die
Mannschaft hat überdurchschnittliche
Leistungen gebracht, es hat einfach alles
gepasst. Das war die Handschrift des
Trainers, der ein Team geformt hat, das in
meinen Augen das stärkste der Liga gewesen
ist, was die Geschlossenheit, den Charakter,
auch das Leistungsvermögen betrifft.
Hört sich an, als seien Sie ganz schnell
ein Frank-Schulz-Fan geworden.
Camci: Ich bin Fan des Erfolgs, von
erfolgsorientiertem Arbeiten. Wenn jemand
genauso erfolgsorientiert ist und so
akribisch arbeitet wie ich, bewundere ich
das.
Ist Platz fünf für die stärkste
Mannschaft der Liga dann nicht doch
enttäuschend?
Camci: Wer vor der Rückrunde gesagt
hätte, Westfalia Herne würde noch ein
Wörtchen um den Aufstieg in die Regionalliga
mitreden, hätte den jeder für verrückt
erklärt. Ziel war ganz klar die
Qualifikation für die NRW-Liga. Aber dass
die Mannschaft so viel Potenzial hat und
eine so grandiose Serie hinlegt, hätten
selbst größte Optimisten nicht für möglich
gehalten.
Sind Sie gar nicht traurig, dass es nicht
ganz zu Platz vier gereicht hat?
Camci: Wenn ich einige Spiele Revue
passieren lasse, wo wir Punkte verschenkt
haben, tut das schon weh. Denken Sie nur an
Lippstadt und Münster, das waren schon die
vier Punkte, die gefehlt haben. Vom
Betriebsunfall Bielefeld gar nicht zu reden.
Trotzdem: Wenn ich den Aufwand sehe,
finanziell wie personell, den andere
betrieben haben, kann ich nur stolz sein.
Mit wenigen Mitteln und viel Arbeit waren
wir die beste Mannschaft der Liga. Das sehe
ich wirklich so.
Wer war für Sie der Spieler der Saison?
Camci: Die Mannschaft, das Kollektiv.
Gab es auch negative Erlebnisse?
Camci: Ja, gab es auch. Als Jürgen
Stieneke, Klaus Großheim und ich das
operative Geschäft übernommen haben, hatten
wir vom aktuellen Vorstand nicht die
erhoffte Unterstützung. Wir hatten keine
Planungssicherheit, keine
Handlungskompetenz. Das haben wir zum Glück
wieder in die richtigen Bahnen gelenkt.
Wo lagen die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?
Camci: Überall. Es gab kaum einen
Tag, an dem Westfalia mich nicht beschäftigt
hat. Ich bin bei jedem Training, habe immer
ein offenes Ohr für jeden Spieler. So
aufwändig hatte ich mir das nicht
vorgestellt, das ist fast ein Fulltime-Job.
Aber das gilt auch für Stieneke oder
Schorsch Ortmann. Oft fragen wir uns, ob uns
das nicht über den Kopf wächst. Aber da ist
ja auch der Faktor Spaß dabei, und deshalb
kriegen wir das gebacken.
Sie haben alle Leistungsträger halten
können. Freuen Sie sich trotz der vielen
Arbeit auf die nächste Saison?
Camci: Ich hoffe schon, dass es
weniger stressig wird. Aber wir werden
weiter leidenschaftlich an der Sache
arbeiten. Da liege ich mit Frank Schulz auf
gleicher Wellenlänge. Er hätte auch gern mit
einem El-Nounou, einem Erzen weiter gemacht,
aber er musste Jahr für Jahr eine neue
Mannschaft aufbauen. Jetzt versuchen wir ihm
die Möglichkeit zu geben, mit einer
eingespielten Mannschaft und gezielten
Verstärkungen in die Saison zu gehen. Da
kann man Jürgen Stieneke gar nicht genug
danken. Ohne sein Okay würde das alles nicht
funktionieren.
Welche Erwartungen haben Sie an die
nächste Spielzeit?
Camci: In der NRW-Liga wäre das Ziel
der Aufstieg, ganz klar. Das verlange ich
auch, weil wir die beste Mannschaft der
Oberliga Westfalen waren und gute
Verstärkungen geholt haben. Also gehen wir
als Favorit in die Liga.
Und in der Regionalliga?
Camci: Ich bin von den Fähigkeiten
unseres Trainers total überzeugt. Er wird
das Optimale herausholen, wir würden auch in
der Regionalliga eine sehr, sehr gute Rolle
spielen. Frank Schulz ist absoluter Profi.
Und es geht mir nicht in den Kopf, dass so
ein Mann nicht im Profi-Fußball Fuß fasst.
Er hätte auch da Erfolg, hundertprozentig.
Spuckt ein kleiner Mann da nicht sehr
große Töne?
Camci: Ich will Erfolg, will immer
weiter. Um irgendwo im Mittelfeld zu
krebsen, ist der Aufwand zu hoch. Wenn ich
wie RW Essen mit einem Sieben-Millionen-Etat
in die Saison gehe und es nicht schaffe, die
Liga zu halten, dann würde ich mich in Grund
und Boden schämen. Dann würde ich nie mehr
was im Fußball machen.
von Wolfgang Volmer