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"Die graueste aller grauen Mäuse" - Interview mit Helmut Benthaus
 

03.01.09

Helmut Benthaus kam vom RSV Holthausen und wurde als Spieler und Trainer zum Meistermacher.

Helmut Benthaus, können Sie sich an die Straßen Ihrer Kindheit erinnern?

Benthaus: Sicher kann ich das, denn ich bin ja in Holthausen groß geworden. Obwohl sich dort wie in ganz Herne viel verändert hat, würde ich mich schon noch zurechtfinden. Wir hatten ein kleines Haus mit einem kleinen Garten. Mein Vater Wilhelm arbeitete als Maurerpolier. Für uns war die Nachkriegszeit besonders schwer. Vom Essen und Trinken her gab es ja weniger als nichts: nur den Schwarzmarkt und das Hamstern - und davon haben wir gelebt.

Waren Sie als Gymnasiast in Holthausen nicht ein Außenseiter?

Benthaus: Auf jeden Fall. Wir haben aus meiner Klasse zu dritt im Gymnasium angefangen, aber die beiden anderen haben die Versetzung nicht geschafft. So wurde ich zum einzigen Gymnasiasten aus Holthausen. Natürlich hagelte es nachmittags Spott und Häme. Aber da ich ein ganz guter Fußballer war, hielt sich alles in Grenzen. Die anderen Jugendlichen akzeptierten mich, denn wenn man mit dem Ball gut war, war in Holthausen alles andere zweitrangig.

Wie ist Westfalias Aufschwung vom Abstiegskandidaten zum Westmeister zu erklären?

Benthaus: Westfalia war am Anfang die graueste aller grauen Mäuse in der Oberliga. Wir haben zweimal in der Woche trainiert, danach wurde gekegelt oder Karten gespielt wie in irgendwelchen geselligen Vereinen. Erst Trainer Fritz Langner versuchte, so etwas wie Professionalität einzuführen. Er war bekannt für seinen Konditionsdrill. Zudem zeichnete er sich aber auch als hervorragender Taktiker aus. Wir haben damals schon "One-Touch-Fußball" gespielt und es in jeder Einheit trainiert. Außerdem waren wir ein Team mit hungrigen Spielern und Leistungsträgern, aber ohne Stars.

Sie waren Student, was zu der Zeit selten für einen Fußballer war.

Benthaus: Ja, ich war sicher eine Ausnahme. Nach dem Abitur hieß es: "Was wird mit dem Jungen? Studieren - ja oder nein?" Mein älterer Bruder Willy, der in Familienfragen schon ein gewichtiges Wort mitreden konnte, hat dafür plädiert, dass ich studieren sollte. Wir lebten in einfachen Verhältnissen, so war es auch eine finanzielle Frage. Die nächste Universität war in Münster. Es fielen Studiengebühren an, ich brauchte ein Zimmer. Schließlich haben sich meine Eltern überreden lassen. Ich war der erste in meiner Familie, der überhaupt eine Uni besuchte.

Verschaffte der Fußball Ihnen nicht einen ungeheuren sozialen Aufstieg?

Benthaus: Während der Karriere reflektiert man das nicht so. Aber gerade die Zeit beim 1. FC Köln war gegenüber den Herner Verhältnissen ein Unterschied wie zwischen Tag und Nacht. Nicht umsonst habe ich alle meine Bekannten und Verwandten nach Köln eingeladen, damit sie mal sehen konnten, wie es dem kleinen Helmut Benthaus aus Holthausen ging (lacht).

Sie haben später sogar Franz Beckenbauer in das Amt des Bundestrainers gehievt, oder?

Benthaus: (lacht) Das ist natürlich etwas überpointiert. Nach meiner Meisterschaft mit dem VfB bekam ich vom DFB das Angebot, Bundestrainer zu werden. Aber ich bekam vom VfB keine Freigabe. Mit aller Gewalt wäre ich zwar aus meinem Vertrag herausgekommen, aber ich hatte in Stuttgart so viele Freunde und ich wollte nicht enttäuschen. So wurde Beckenbauer schließlich Team-Manager der Nationalelf.

Interview Ralf Piorr

 

Quelle: WAZ

 

 

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