Helmut Benthaus kam vom RSV Holthausen
und wurde als Spieler und Trainer zum
Meistermacher.
Helmut Benthaus, können Sie sich an die
Straßen Ihrer Kindheit erinnern?
Benthaus:
Sicher kann ich das, denn ich bin ja in
Holthausen groß geworden. Obwohl sich dort
wie in ganz Herne viel verändert hat, würde
ich mich schon noch zurechtfinden. Wir
hatten ein kleines Haus mit einem kleinen
Garten. Mein Vater Wilhelm arbeitete als
Maurerpolier. Für uns war die Nachkriegszeit
besonders schwer. Vom Essen und Trinken her
gab es ja weniger als nichts: nur den
Schwarzmarkt und das Hamstern - und davon
haben wir gelebt.
Waren Sie als Gymnasiast in Holthausen
nicht ein Außenseiter?
Benthaus: Auf jeden Fall. Wir haben
aus meiner Klasse zu dritt im Gymnasium
angefangen, aber die beiden anderen haben
die Versetzung nicht geschafft. So wurde ich
zum einzigen Gymnasiasten aus Holthausen.
Natürlich hagelte es nachmittags Spott und
Häme. Aber da ich ein ganz guter Fußballer
war, hielt sich alles in Grenzen. Die
anderen Jugendlichen akzeptierten mich, denn
wenn man mit dem Ball gut war, war in
Holthausen alles andere zweitrangig.
Wie ist Westfalias Aufschwung vom
Abstiegskandidaten zum Westmeister zu
erklären?
Benthaus: Westfalia war am Anfang die
graueste aller grauen Mäuse in der Oberliga.
Wir haben zweimal in der Woche trainiert,
danach wurde gekegelt oder Karten gespielt
wie in irgendwelchen geselligen Vereinen.
Erst Trainer Fritz Langner versuchte, so
etwas wie Professionalität einzuführen. Er
war bekannt für seinen Konditionsdrill.
Zudem zeichnete er sich aber auch als
hervorragender Taktiker aus. Wir haben
damals schon "One-Touch-Fußball" gespielt
und es in jeder Einheit trainiert. Außerdem
waren wir ein Team mit hungrigen Spielern
und Leistungsträgern, aber ohne Stars.
Sie waren Student, was zu der Zeit selten
für einen Fußballer war.
Benthaus: Ja, ich war sicher eine
Ausnahme. Nach dem Abitur hieß es: "Was wird
mit dem Jungen? Studieren - ja oder nein?"
Mein älterer Bruder Willy, der in
Familienfragen schon ein gewichtiges Wort
mitreden konnte, hat dafür plädiert, dass
ich studieren sollte. Wir lebten in
einfachen Verhältnissen, so war es auch eine
finanzielle Frage. Die nächste Universität
war in Münster. Es fielen Studiengebühren
an, ich brauchte ein Zimmer. Schließlich
haben sich meine Eltern überreden lassen.
Ich war der erste in meiner Familie, der
überhaupt eine Uni besuchte.
Verschaffte der Fußball Ihnen nicht einen
ungeheuren sozialen Aufstieg?
Benthaus: Während der Karriere
reflektiert man das nicht so. Aber gerade
die Zeit beim 1. FC Köln war gegenüber den
Herner Verhältnissen ein Unterschied wie
zwischen Tag und Nacht. Nicht umsonst habe
ich alle meine Bekannten und Verwandten nach
Köln eingeladen, damit sie mal sehen
konnten, wie es dem kleinen Helmut Benthaus
aus Holthausen ging (lacht).
Sie haben später sogar Franz Beckenbauer
in das Amt des Bundestrainers gehievt, oder?
Benthaus: (lacht) Das ist natürlich
etwas überpointiert. Nach meiner
Meisterschaft mit dem VfB bekam ich vom DFB
das Angebot, Bundestrainer zu werden. Aber
ich bekam vom VfB keine Freigabe. Mit aller
Gewalt wäre ich zwar aus meinem Vertrag
herausgekommen, aber ich hatte in Stuttgart
so viele Freunde und ich wollte nicht
enttäuschen. So wurde Beckenbauer
schließlich Team-Manager der Nationalelf.
Interview Ralf Piorr