Westfalia Herne stellt die
Leidensfähigkeit seiner Freunde beim 0:3
gegen RW Essen II einmal mehr auf einer
harte Probe. Bereits nach acht Minuten liegt
die Schulz-Elf mit 0:2 zurück.
Wer liebt, muss auch leiden. Im Fußball ist
das nicht anders als im Leben überhaupt.
Derzeit wird die Leidensfähigkeit aller,
deren Herz am SC Westfalia hängt, jeden
dritten, vierten Tag auf eine harte Probe
gestellt. Das gilt für die immer kleiner
werdende Zahl der Zuschauer, es gilt aber
auch für freiwillige Helfer an Bier- und
Bratwurstbuden, für Ordner und
Vorstandsmitglieder. Und es gilt für das
Trainergespann.
Frank Schulz bezeichnete es vor fünf Wochen
als „Herzensangelegenheit”, seiner Westfalia
in einer schwierigen Zeit zu helfen.
Inzwischen sieht auch er seine kurzfristige
Mission als gescheitert an und sehnt das
Ende der Saison herbei. Viermal 90 Minuten
NRW-Liga-Fußball und das Pokalspiel gegen
den DSC sind noch zu absolvieren. Fünfmal
heißt es also noch, stark zu sein, um das
armselige Gestochere auf dem Rasen zu
ertragen.
Was er da sah, gestern gegen Essen wie am
Mittwoch gegen Velbert, kam Schulz wie eine
ihm unbekannte Leibesübung vor. „Mit Fußball
hatte das jedenfalls nichts zu tun”, gab der
Herner Coach ein vernichtendes Urteil über
den verunsicherten Haufen ab, der einst eine
Mannschaft war.
Ein gewisses Bemühen und den Willen,
ordentlich zu kicken, muss man den Spielern
gar nicht absprechen. Doch alle guten
Absichten waren bereits nach acht Minuten
Makulatur. Zunächst verlängerte Dennis
Gidaszewski beim Rettungsversuch eine
Avci-Flanke ins eigene Tor, dann senste
Mirko Mustroph als letzter Mann am Ball
vorbei und machte Emrah Uzun den Weg zum 0:2
frei. Die Partie war entschieden, noch ehe
sie richtig begonnen hatte.

Einige der wenigen Herner Chancen vergibt
hier Michael Baum.
Foto: InfoSchlumpf
Bis zur Pause erhielten die Herner dann
Anschauungsunterricht in Sachen moderner
Fußball. Am besten beherrschten die
Rot-Weißen das Element Spielverlagerung. Wie
im Training exerzierten sie es vor, zogen
sich meist auf der linken Seite zusammen, um
dann mit einem weiten Schlag auf die rechte
Seite zu wechseln und in hohem Tempo im
Eins-gegen-Eins oder Zwei-gegen-Zwei
Torgefahr heraufzubeschwören.
Westfalia konnte froh sein, mit einem 0:2 in
die Kabine zu kommen. Kaum wieder zurück,
schloss erneut Uzun eine feine Essenere
Kombination zum 0:3 ab. Danach nahmen die
Gäste das Tempo heraus, beschränkten sich
auf Ergebnisverwaltung. Was gegen eine
phantasielose Westfalia, die in Abwehr,
Mittelfeld und Angriff alles schuldig blieb,
gar nicht schief gehen konnte. Ging es auch
nicht.

Schlusspfiff: SCW-Tristesse im Mai 2009
Foto: Cib
SC Westfalia Herne - Rot-Weiß Essen II 0:3
(0:2)
Tore: 0:1 (3.) Eigentor Gidaszewski, 0:2
(8.) Uzun, 0:3 (49.) Uzun.
SCW: Bautz - Eisen, Mustroph, Baum,
Gidaszewski - Gebauer, Allali - Behrend (56.
Freyni), Badur, Kilian (46. Oerterer) -
Onucka (73. Özdemir).
RWE II: Zbiorczyk - Pagano (56. Hentschel),
von der Gathen, Jensen, Cakiroglu - Dutschke
- Alpay, Tokat, Avci (46. Yasli) - Türkeri
(46. Said), Uzun.
SR: Dimtrios Gavrilas (Bielefeld).
Zuschauer: 250.
Trainerstimmen:
Waldemar Wrobel (RWE): Aus meiner
Sicht war es ein Spiel, das wir verdient
gewonnen haben. Dass wir schon nach zehn
Minuten 2:0 geführt haben, kam uns sicher
entgegen. Wir waren im Spielaufbau und der
Spielentwicklung klar besser, waren
zielstrebiger, passsicherer, präziser und
geradliniger. Hinten haben wir wenig
zugelassen, und wenn wir unsere Konter noch
präziser ausgespielt hätten, wäre eine
höhere Führung möglich gewesen. Die letzten
30 Minuten hatten dann von beiden Seiten
nicht mehr viel mit Fußball zu tun.
Frank Schulz (SCW): Essen hat Fußball
gespielt, wir nicht. So einfach, wie wir zu
schlagen sind, so etwas habe ich in dieser
Form noch nicht erlebt. Dass der Essener
Sieg verdient ist, ist keine Frage. Wir
hatten es nicht verdient, irgendetwas zu
holen.Wenn man nur einen Dauerlauf und nicht
mal einen Sprint hinlegt, hat das mit
Fußball nichts zu tun. Das betrifft alle
Mannschaftsteile. Der Sturm ist nur ein
laues Lüftchen, im Mittelfeld fehlen
Aggressivität und Zweikampfstärke, hinten
sind wir sehr unsicher. Momentan macht es
mir überhaupt keinen Spaß, und den Zuschauer
geht es bestimmt genauso. Traurig.
Randnotitz:
"NRW-Liga ist Endstation"
Meint SCW-Vorsitzender Horst Haneke.
Trainerfrage noch immer ungeklärt.
Noch immer ist unklar, mit welchem Trainer,
welchen Spielern, welcher Zielsetzung der SC
Westfalia in die neue Saison geht. "In
dieser Woche wird einiges passieren",
kündigte Timur Camci am Rande des
Essen-Spiels an. Ein für Freitag geplantes
Gespräch mit Frank Schulz hatte der Vorstand
kurzfristig absagen müssen. Es dürfte heute
oder morgen nachgeholt werden.
Das Thema Regionalliga hat Vorsitzender
Horst Haneke erst einmal beerdigt. "In
unserer derzeitigen Struktur ist die
NRW-Liga für den SCW Endstation", so Haneke.
"Noch einmal können wir uns so eine teure
Mannschaft wie in den letzten zwei Jahren
nicht leisten." Ernüchtert sind die Herner
wegen des sportlichen Misserfolgs, aber auch
wegen der abenteuerlichen DFB-Auflagen. "Für
die Regionalliga müssten wir auch unser
halbes Stadion abreißen und neu bauen",
stöhnt Hanke.
von Wolfgang Volmer