PRESSE

Noch fünfmal stark sein
 

11.05.09

Westfalia Herne stellt die Leidensfähigkeit seiner Freunde beim 0:3 gegen RW Essen II einmal mehr auf einer harte Probe. Bereits nach acht Minuten liegt die Schulz-Elf mit 0:2 zurück.

Wer liebt, muss auch leiden. Im Fußball ist das nicht anders als im Leben überhaupt. Derzeit wird die Leidensfähigkeit aller, deren Herz am SC Westfalia hängt, jeden dritten, vierten Tag auf eine harte Probe gestellt. Das gilt für die immer kleiner werdende Zahl der Zuschauer, es gilt aber auch für freiwillige Helfer an Bier- und Bratwurstbuden, für Ordner und Vorstandsmitglieder. Und es gilt für das Trainergespann.

Frank Schulz bezeichnete es vor fünf Wochen als „Herzensangelegenheit”, seiner Westfalia in einer schwierigen Zeit zu helfen. Inzwischen sieht auch er seine kurzfristige Mission als gescheitert an und sehnt das Ende der Saison herbei. Viermal 90 Minuten NRW-Liga-Fußball und das Pokalspiel gegen den DSC sind noch zu absolvieren. Fünfmal heißt es also noch, stark zu sein, um das armselige Gestochere auf dem Rasen zu ertragen.

Was er da sah, gestern gegen Essen wie am Mittwoch gegen Velbert, kam Schulz wie eine ihm unbekannte Leibesübung vor. „Mit Fußball hatte das jedenfalls nichts zu tun”, gab der Herner Coach ein vernichtendes Urteil über den verunsicherten Haufen ab, der einst eine Mannschaft war.

Ein gewisses Bemühen und den Willen, ordentlich zu kicken, muss man den Spielern gar nicht absprechen. Doch alle guten Absichten waren bereits nach acht Minuten Makulatur. Zunächst verlängerte Dennis Gidaszewski beim Rettungsversuch eine Avci-Flanke ins eigene Tor, dann senste Mirko Mustroph als letzter Mann am Ball vorbei und machte Emrah Uzun den Weg zum 0:2 frei. Die Partie war entschieden, noch ehe sie richtig begonnen hatte.


Einige der wenigen Herner Chancen vergibt hier Michael Baum.                                                           Foto: InfoSchlumpf

Bis zur Pause erhielten die Herner dann Anschauungsunterricht in Sachen moderner Fußball. Am besten beherrschten die Rot-Weißen das Element Spielverlagerung. Wie im Training exerzierten sie es vor, zogen sich meist auf der linken Seite zusammen, um dann mit einem weiten Schlag auf die rechte Seite zu wechseln und in hohem Tempo im Eins-gegen-Eins oder Zwei-gegen-Zwei Torgefahr heraufzubeschwören.

Westfalia konnte froh sein, mit einem 0:2 in die Kabine zu kommen. Kaum wieder zurück, schloss erneut Uzun eine feine Essenere Kombination zum 0:3 ab. Danach nahmen die Gäste das Tempo heraus, beschränkten sich auf Ergebnisverwaltung. Was gegen eine phantasielose Westfalia, die in Abwehr, Mittelfeld und Angriff alles schuldig blieb, gar nicht schief gehen konnte. Ging es auch nicht.


Schlusspfiff: SCW-Tristesse im Mai 2009                                                                                                                Foto: Cib


SC Westfalia Herne - Rot-Weiß Essen II 0:3 (0:2)

Tore: 0:1 (3.) Eigentor Gidaszewski, 0:2 (8.) Uzun, 0:3 (49.) Uzun.

SCW: Bautz - Eisen, Mustroph, Baum, Gidaszewski - Gebauer, Allali - Behrend (56. Freyni), Badur, Kilian (46. Oerterer) - Onucka (73. Özdemir).

RWE II: Zbiorczyk - Pagano (56. Hentschel), von der Gathen, Jensen, Cakiroglu - Dutschke - Alpay, Tokat, Avci (46. Yasli) - Türkeri (46. Said), Uzun.

SR: Dimtrios Gavrilas (Bielefeld).

Zuschauer: 250.


Trainerstimmen:

Waldemar Wrobel (RWE): Aus meiner Sicht war es ein Spiel, das wir verdient gewonnen haben. Dass wir schon nach zehn Minuten 2:0 geführt haben, kam uns sicher entgegen. Wir waren im Spielaufbau und der Spielentwicklung klar besser, waren zielstrebiger, passsicherer, präziser und geradliniger. Hinten haben wir wenig zugelassen, und wenn wir unsere Konter noch präziser ausgespielt hätten, wäre eine höhere Führung möglich gewesen. Die letzten 30 Minuten hatten dann von beiden Seiten nicht mehr viel mit Fußball zu tun.

Frank Schulz (SCW): Essen hat Fußball gespielt, wir nicht. So einfach, wie wir zu schlagen sind, so etwas habe ich in dieser Form noch nicht erlebt. Dass der Essener Sieg verdient ist, ist keine Frage. Wir hatten es nicht verdient, irgendetwas zu holen.Wenn man nur einen Dauerlauf und nicht mal einen Sprint hinlegt, hat das mit Fußball nichts zu tun. Das betrifft alle Mannschaftsteile. Der Sturm ist nur ein laues Lüftchen, im Mittelfeld fehlen Aggressivität und Zweikampfstärke, hinten sind wir sehr unsicher. Momentan macht es mir überhaupt keinen Spaß, und den Zuschauer geht es bestimmt genauso. Traurig.
 

Randnotitz:

"NRW-Liga ist Endstation"

Meint SCW-Vorsitzender Horst Haneke. Trainerfrage noch immer ungeklärt.

Noch immer ist unklar, mit welchem Trainer, welchen Spielern, welcher Zielsetzung der SC Westfalia in die neue Saison geht. "In dieser Woche wird einiges passieren", kündigte Timur Camci am Rande des Essen-Spiels an. Ein für Freitag geplantes Gespräch mit Frank Schulz hatte der Vorstand kurzfristig absagen müssen. Es dürfte heute oder morgen nachgeholt werden.

Das Thema Regionalliga hat Vorsitzender Horst Haneke erst einmal beerdigt. "In unserer derzeitigen Struktur ist die NRW-Liga für den SCW Endstation", so Haneke. "Noch einmal können wir uns so eine teure Mannschaft wie in den letzten zwei Jahren nicht leisten." Ernüchtert sind die Herner wegen des sportlichen Misserfolgs, aber auch wegen der abenteuerlichen DFB-Auflagen. "Für die Regionalliga müssten wir auch unser halbes Stadion abreißen und neu bauen", stöhnt Hanke.


von Wolfgang Volmer
 

Quelle: WAZ Herne

Fotoalbum von InfoSchlumpf
 

 

 

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