PRESSE

Aus allen Träumen gerissen
 

12.04.10

Bis weit in die zweite Hälfte hinein saß Klaus Täuber recht entspannt auf der Herner Trainerbank. Nichts deutete darauf hin, dass er zu seinem Einstand eine Niederlage beim SV Schermbeck würde kommentieren müssen. Doch dann erlaubten sich seine bis dahin ziemlich souveränen Schützlinge zwei böse Aussetzer und verdarben ihm sein Debüt. Der „Boxer“ ging aber nicht k.o., sondern schüttelte sich einmal und zeigte gleich sein Kämpferherz. „Das ist ärgerlich, aber so ist Fußball. Dann werden wir halt versuchen, Mittwoch aus Hamm die drei Punkte zu entführen.“

Anfangs lief es für Täuber und seine neue Truppe wie auf Schienen. Zwar legte Schermbecks Lupitu gleich nach dem Anpfiff schön für Turgut auf, doch der verzog ebenso wie wenig später Mirko Urban beim ersten Herner Angriff. Nach dem zweiten lag die Kugel dann schon im Netz. Zwei Schermbecker Abwehrspieler räumten sich nach einem Kilian-Freistoß im Luftkampf mit Marko Onucka gegenseitig ab, Daniel Diaz hatte freie Bahn und düpierte den weit vor seinem Tor stehenden Christoph Müller mit einem kunstvollen Heber.

Mit der Führung im Rücken beherrschte der SCW Spiel und Gegner, hatte in Sachen Organisation, Raumaufteilung und Zweikampfverhalten deutliche Vorteile. Allerdings schafften es die Herner nur selten, ihre Überlegenheit in zwingende Aktionen umzusetzen, weil sich Ouro-Akpo im Sturmzentrum kaum einmal durchsetzen konnte und auch von Emre Köksal auf der rechten Außenbahn zu wenig offensive Impulse kamen.


Über weite Strecken hatte der SCW Spiel und Gegner im Griff. Hier klärt Tim Gebauer im Herner 16er.                Foto: Cib

Exakt diese Mängel waren es, die Täuber in der Kabine ansprach. Nicht ohne Erfolg. Die Herner Angriffe wurden nun druckvoller, mehrfach lag das zweite Tor in der Luft. Allein Akpo hätte das Spiel entscheiden können. Freistehend drosch er einen weiten Diagonalball volley in die Wolken (49.), dann brachte er keinen Druck hinter einen Kopfball (51.), und zu schlechter Letzt zögerte er nach Diaz’ Querpass acht Meter frei vor dem Tor so lange, dass ihm Djuliman noch in die Schussbahn grätschen konnte (54.). Vier Minuten später war es Torwart Müller, der Tim Kilians feinen 27m-Freistoß aus dem Winkel kratzte und die Gastgeber im Spiel hielt.

Auf der Gegenseite tat sich wenig. Der SVS setzte stets auf dasselbe Rezept: Weiter Ball auf den langen Zepanski, der kommt zum Abschluss oder legt für den flinken Ersoy auf. Der Herner Abwehr mit Kilian für den angeschlagenen Seidel neben dem überragenden Nils Eisen war so aber nicht beizukommen.

Also leisteten die Herner tatkräftige Mithilfe. Ausgerechnet Eisen war es, dessen Querschläger das 1:1 vorbereitete. Auch Kluy senste noch am Ball vorbei, so dass Ersoy freie Bahn hatte. In der 84. Minute verlor Christopher Ditterle dann die Nerven. Von Zepanski einmal mehr im Fünfmeterraum hart angegangen, stieß der SCW-Keeper den Provokateur beim Aufstehen leicht in den Rücken, der fiel um wie eine gefällte Eiche, und Schiedsrichter Kudela tat, was er glaubte, tun zu müssen: Er zeigte Rot und auf den Punkt. Sascha Siebert ließ sich nicht zweimal bitten, verlud den eingewechselten Olli Bautz und sicherte der Stroetzel-Elf drei ganz wichtige Punkte.


SV Schermbeck - SC Westfalia Herne 2:1 (0:1)

Schermbeck: Müller - Konowski, Zepanski, Turhal, Lupito - Köse (86. Poch), Gündogan (73. Kalender), Jansen, Djuliman - Turgut (63. Siebert), Ersoy.

SCW: Ditterle - Seidel, Kacar, Eisen, Kluy - Kilian, Urban, Köksal (85. Bautz), Diaz (80. Alasan) - Onucka, Ourp-Akpo (80. Jubt).

Schiedsrichter: Darius Kudela (Leverkusen)

Tore: 0:1 Diaz (8.), 1:1 Ersoy (74.), 2:1 Siebert (86., Foulelfmeter)

Rote Karte: Ditterle (84., Nachtreten). Zuschauer: 250.


Trainerstimmen:

Klaus Täuber (SCW): Ich hatte mir meinen Einstand natürlich besser vorgestellt. Aber 75 Minuten lang hatte ich nie das Gefühl, dass wir hier verlieren könnten. Nach dem frühen 1:0 hatten wir die Spielkontrolle, haben aber wenig Zwingendes zustande bekommen. Wir haben es versäumt, mehr Akzente nach vorne zu setzen und so das 2:0 zu erzwingen. Am Ende haben wir dann zwei Gastgeschenke verteilt.

Martin Stroetzel (SVS): In der ersten Halbzeit hat Herne souverän gespielt: kompromisslos, zweikampfstark, mit guter Ordnung und gutem Verschieben. Allzu viel haben wir aber nicht zugelassen. Nach der Pause sind wir besser in die Zweikämpfe gekommen und haben mehr Druck ausgeübt, ohne große Torszenen herauszuspielen. Zum Glück haben wir Seyit Ersoy, der riecht solche Chancen und macht sie auch rein. Nach dem 1:1 hat man das Kribbeln gespürt, dass noch mehr gehen könnte. Das zweite Geschenk haben wir dann gerne angenommen.


Kommentar:

Disziplin als Erfolgsrezept

Niemand wird Klaus Täuber ernsthaft einen Vorwurf dafür machen wollen, dass sein Einstand als Westfalia-Trainer mit einer Niederlage endete. Schließlich hat er die Mannschaft erst am Donnerstag übernommen und sich - verständlicher Weise - eng an der Aufstellung und taktischen Grundordnung seines Vorgängers orientiert.

Etwas aber war in Schermbeck dennoch anders. Undiszipliniertheiten der Art, wie sie sich Torwart Ditterle kurz vor Schluss leistete, hat es unter Frank Schulz nur sehr selten und schon lange nicht mehr gegeben. So verständlich es ist, dass sich der junge Keeper provozieren ließ, so bitter es ist, dass sein kleiner Schubser gleich doppelt hart bestraft wurde: Täuber tut gut daran, solche Fehler klar anzusprechen und von Beginn an zu unterbinden.

Spiele mit elf Mann zu beenden, gehörte bislang nämlich auch zu den Herner Erfolgsrezepten.


Wolfgang Volmer


Quelle: WAZ Herne

 

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