Bis weit in die zweite Hälfte hinein saß
Klaus Täuber recht entspannt auf der Herner
Trainerbank. Nichts deutete darauf hin, dass
er zu seinem Einstand eine Niederlage beim
SV Schermbeck würde kommentieren müssen.
Doch dann erlaubten sich seine bis dahin
ziemlich souveränen Schützlinge zwei böse
Aussetzer und verdarben ihm sein Debüt. Der
„Boxer“ ging aber nicht k.o., sondern
schüttelte sich einmal und zeigte gleich
sein Kämpferherz. „Das ist ärgerlich, aber
so ist Fußball. Dann werden wir halt
versuchen, Mittwoch aus Hamm die drei Punkte
zu entführen.“
Anfangs lief es für Täuber und seine neue
Truppe wie auf Schienen. Zwar legte
Schermbecks Lupitu gleich nach dem Anpfiff
schön für Turgut auf, doch der verzog ebenso
wie wenig später Mirko Urban beim ersten
Herner Angriff. Nach dem zweiten lag die
Kugel dann schon im Netz. Zwei Schermbecker
Abwehrspieler räumten sich nach einem
Kilian-Freistoß im Luftkampf mit Marko
Onucka gegenseitig ab, Daniel Diaz hatte
freie Bahn und düpierte den weit vor seinem
Tor stehenden Christoph Müller mit einem
kunstvollen Heber.
Mit der Führung im Rücken beherrschte der
SCW Spiel und Gegner, hatte in Sachen
Organisation, Raumaufteilung und
Zweikampfverhalten deutliche Vorteile.
Allerdings schafften es die Herner nur
selten, ihre Überlegenheit in zwingende
Aktionen umzusetzen, weil sich Ouro-Akpo im
Sturmzentrum kaum einmal durchsetzen konnte
und auch von Emre Köksal auf der rechten
Außenbahn zu wenig offensive Impulse kamen.

Über weite Strecken hatte der SCW Spiel und
Gegner im Griff. Hier klärt Tim Gebauer im
Herner 16er.
Foto: Cib
Exakt diese Mängel waren es, die Täuber in
der Kabine ansprach. Nicht ohne Erfolg. Die
Herner Angriffe wurden nun druckvoller,
mehrfach lag das zweite Tor in der Luft.
Allein Akpo hätte das Spiel entscheiden
können. Freistehend drosch er einen weiten
Diagonalball volley in die Wolken (49.),
dann brachte er keinen Druck hinter einen
Kopfball (51.), und zu schlechter Letzt
zögerte er nach Diaz’ Querpass acht Meter
frei vor dem Tor so lange, dass ihm Djuliman
noch in die Schussbahn grätschen konnte
(54.). Vier Minuten später war es Torwart
Müller, der Tim Kilians feinen 27m-Freistoß
aus dem Winkel kratzte und die Gastgeber im
Spiel hielt.
Auf der Gegenseite tat sich wenig. Der SVS setzte stets auf dasselbe Rezept: Weiter Ball auf den langen Zepanski, der kommt zum Abschluss oder legt für den flinken Ersoy auf. Der Herner Abwehr mit Kilian für den angeschlagenen Seidel neben dem überragenden Nils Eisen war so aber nicht beizukommen.
Also leisteten die Herner
tatkräftige Mithilfe. Ausgerechnet
Eisen war es, dessen Querschläger
das 1:1 vorbereitete. Auch Kluy
senste noch am Ball vorbei, so dass
Ersoy freie Bahn hatte. In der 84.
Minute verlor Christopher Ditterle
dann die Nerven. Von Zepanski einmal
mehr im Fünfmeterraum hart
angegangen, stieß der SCW-Keeper den
Provokateur beim Aufstehen leicht in
den Rücken, der fiel um wie eine
gefällte Eiche, und Schiedsrichter Kudela tat, was er glaubte, tun zu
müssen: Er zeigte Rot und auf den Punkt.
Sascha Siebert ließ sich nicht zweimal
bitten, verlud den eingewechselten Olli
Bautz und sicherte der Stroetzel-Elf drei
ganz wichtige Punkte.
SV Schermbeck - SC Westfalia Herne 2:1 (0:1)
Schermbeck: Müller - Konowski,
Zepanski, Turhal, Lupito - Köse (86.
Poch), Gündogan (73. Kalender),
Jansen, Djuliman - Turgut (63.
Siebert), Ersoy.
SCW: Ditterle - Seidel, Kacar,
Eisen, Kluy - Kilian, Urban, Köksal
(85. Bautz), Diaz (80. Alasan) -
Onucka, Ourp-Akpo (80. Jubt).
Schiedsrichter: Darius Kudela
(Leverkusen)
Tore: 0:1 Diaz (8.), 1:1 Ersoy
(74.), 2:1 Siebert (86.,
Foulelfmeter)
Rote Karte: Ditterle (84.,
Nachtreten). Zuschauer: 250.
Trainerstimmen:
Klaus Täuber (SCW):
Ich hatte mir meinen Einstand natürlich
besser vorgestellt. Aber 75 Minuten lang
hatte ich nie das Gefühl, dass wir hier
verlieren könnten. Nach dem frühen 1:0
hatten wir die Spielkontrolle, haben aber
wenig Zwingendes zustande bekommen. Wir
haben es versäumt, mehr Akzente nach vorne
zu setzen und so das 2:0 zu erzwingen. Am
Ende haben wir dann zwei Gastgeschenke
verteilt.
Martin Stroetzel (SVS): In der ersten
Halbzeit hat Herne souverän gespielt:
kompromisslos, zweikampfstark, mit guter
Ordnung und gutem Verschieben. Allzu viel
haben wir aber nicht zugelassen. Nach der
Pause sind wir besser in die Zweikämpfe
gekommen und haben mehr Druck ausgeübt, ohne
große Torszenen herauszuspielen. Zum Glück
haben wir Seyit Ersoy, der riecht solche
Chancen und macht sie auch rein. Nach dem
1:1 hat man das Kribbeln gespürt, dass noch
mehr gehen könnte. Das zweite Geschenk haben
wir dann gerne angenommen.
Kommentar:
Disziplin als
Erfolgsrezept
Niemand wird Klaus Täuber ernsthaft einen
Vorwurf dafür machen wollen, dass sein
Einstand als Westfalia-Trainer mit einer
Niederlage endete. Schließlich hat er die
Mannschaft erst am Donnerstag übernommen und
sich - verständlicher Weise - eng an der
Aufstellung und taktischen Grundordnung
seines Vorgängers orientiert.
Etwas aber war in Schermbeck dennoch anders.
Undiszipliniertheiten der Art, wie sie sich
Torwart Ditterle kurz vor Schluss leistete,
hat es unter Frank Schulz nur sehr selten
und schon lange nicht mehr gegeben. So
verständlich es ist, dass sich der junge
Keeper provozieren ließ, so bitter es ist,
dass sein kleiner Schubser gleich doppelt
hart bestraft wurde: Täuber tut gut daran,
solche Fehler klar anzusprechen und von
Beginn an zu unterbinden.
Spiele mit elf Mann zu beenden, gehörte
bislang nämlich auch zu den Herner
Erfolgsrezepten.
Wolfgang Volmer
Quelle:
WAZ
Herne