PRESSE

Vom Winde verweht
 

06.05.10

Klaus Täuber wirkt ein wenig ernüchtert. Der „Boxer“ kennt zwar das Fußballgeschäft in- und auswendig, weiß als langjähriger Profi und Trainer, wie die Spieler ticken. Die derzeitige Situation bei seinem neuen Verein Westfalia Herne aber irritiert ihn doch. Er hat eine Negativstimmung ausgemacht, die er noch nicht wirklich erklären kann. „Das hat schon etwas von Auflösungserscheinungen“, blickt Täuber auf die letzten zwei, drei Wochen zurück. Und meint damit nicht die Leistungen auf dem Platz, sondern die Reaktion der Spieler auf Angebote zur Vertragsverlängerung.

Vor knapp drei Wochen, kurz nach seinem Amtsantritt, hatte der Trainer zusammen mit dem Sportlichen Leiter Timur Camci damit begonnen, jedem einzelnen Spieler des aktuellen Kaders die Vorstellungen des Vereins darzulegen. Jedem Kicker wurde klarer Wein eingeschenkt, ob und zu welchen Konditionen der SC Westfalia künftig mit ihm plane. Einige erhielten kein neues Angebot, weil sie sich schon anderweitig orientiert hatten (Oliver Bautz, Daniel Diaz), in eine höhere Liga wechseln wollten (Tim Gebauer, Abdou-Nassirou Ouro-Akpo) oder auf einer der beiden Seiten kein Interesse an einer Verlängerung bestand (Ercan Kacar, Arben Tahiri). Andere wie Tim Kilian, Julian Alasan, Goran Mikic, Fatih Gürpinar oder der bisherige A-Jugendtorwart Thimo Mallon unterschrieben schnell, Faysel Khimiri und Sven Jubt hatten noch laufende Verträge.

So weit, so normal. Dass sich ein halbes Dutzend Spieler Bedenkzeit erbat, auch das war nach Täubers und Camcis Empfinden völlig in Ordnung. Mittlerweile aber ist diese Bedenkzeit abgelaufen. „Und zwar mehr als einmal“, wie es Camci sauer aufstößt. Was fehlt, sind klare Aussagen der Spieler, von klaren Bekenntnissen zur Westfalia ganz zu schweigen. „Dieses Rumgeeier geht mir auf den Keks“, zürnt Camci. „Soll das die Fairness sein, welche die Spieler vom Verein einklagen? Irgendwann ist Feierabend.“

Auch für Täuber ist die „Deadline bald erreicht“. Aktuell geht er nicht davon aus, dass überhaupt einer aus der Gruppe der Unentschlossenen beim SCW bleibt.

Beispiel Christopher Ditterle. Keine 24 Stunden, nachdem er am Sonntag Abend seine Zusage gab, zog er sie per SMS wieder zurück. Zuletzt habe der Torwart in einem weiteren Gespräch mit dem Trainer die Chance, in Herne zu bleiben, auf 40 zu 60 beziffert. „Natürlich sehen wir uns jetzt nach einem anderen Torwart um“, will Täuber seine Geduld nicht länger strapazieren.

Akpo wechselt nach Köln
Beispiel Ouro-Akpo. Erst hieß es, er könne aus finanziellen Gründen nicht bleiben. Dann legte Herne noch etwas drauf, und der togolesische Nationalstürmer sagte telefonisch zu. Um einen Tag später einen Zweijahresvertrag beim Ligarivalen Fortuna Köln zu unterschreiben. „So viel ist ein Wort wert, wenn ein anderer Verein mit Scheinen wedelt“, sagt Täuber nüchtern.

Marko Onucka wollte sich angeblich Mittwoch im Probetraining beim FC Schalke 04 II vorstellen. Beim Wuppertaler SV möchte Nils Eisen vorspielen. Ob Norman Seidel, den Täuber sehr gern halten würde, das Angebot annimmt, steht in den Sternen. Auch von Mirko Urban fehlt eine klare Äußerung. Die hat Täuber inzwischen von Andreas Kluy erhalten. Der Allrounder möchte den Verein verlassen.

Es sieht also nach einem totalen Neuaufbau aus am Schloss Strünkede. Und den geht die sportliche Leitung in großer Einigkeit an. „Wir müssen wohl viele neue Korsettstangen holen“, meint Trainer Täuber. Und der Sportliche Leiter sagt es ähnlich. „Wir werden uns jetzt darum kümmern, eine komplett neue Mannschaft aufzubauen.“

Die Verpflichtung von Innenverteidiger Tino Westphal, der in Recklinghausen lebt und über Hüls, Oberhausen und Siegen zum Schloss kommt, war ein erstes Zeichen. Camci und Täuber haben jedenfalls genügend Namen auf dem Zettel. Auch die eine oder andere Zusage liegt schon vor von Spielern, die mit Rücksicht auf ihren derzeitigen Verein noch nicht genannt werden wollen.

Verrückt machen lassen sich die Verantwortlichen deshalb nicht. „Teil eins der Kaderplanung ist so gut wie abgeschlossen. Ab jetzt werden wir den Markt genau sondieren und schauen, wer zu uns passt“, bleibt Täuber gelassen. Trotz aller Ernüchterung.

Wolfgang Volmer


Quelle: WAZ Herne
 

 

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