Klaus Täuber wirkt ein wenig ernüchtert. Der
„Boxer“ kennt zwar das Fußballgeschäft in-
und auswendig, weiß als langjähriger Profi
und Trainer, wie die Spieler ticken. Die
derzeitige Situation bei seinem neuen Verein
Westfalia Herne aber irritiert ihn doch. Er
hat eine Negativstimmung ausgemacht, die er
noch nicht wirklich erklären kann. „Das hat
schon etwas von Auflösungserscheinungen“,
blickt Täuber auf die letzten zwei, drei
Wochen zurück. Und meint damit nicht die
Leistungen auf dem Platz, sondern die
Reaktion der Spieler auf Angebote zur
Vertragsverlängerung.
Vor knapp drei Wochen, kurz nach seinem
Amtsantritt, hatte der Trainer zusammen mit
dem Sportlichen Leiter Timur Camci damit
begonnen, jedem einzelnen Spieler des
aktuellen Kaders die Vorstellungen des
Vereins darzulegen. Jedem Kicker wurde
klarer Wein eingeschenkt, ob und zu welchen
Konditionen der SC Westfalia künftig mit ihm
plane. Einige erhielten kein neues Angebot,
weil sie sich schon anderweitig orientiert
hatten (Oliver Bautz, Daniel Diaz), in eine
höhere Liga wechseln wollten (Tim Gebauer,
Abdou-Nassirou Ouro-Akpo) oder auf einer der
beiden Seiten kein Interesse an einer
Verlängerung bestand (Ercan Kacar, Arben
Tahiri). Andere wie Tim Kilian, Julian
Alasan, Goran Mikic, Fatih Gürpinar oder der
bisherige A-Jugendtorwart Thimo Mallon
unterschrieben schnell, Faysel Khimiri und
Sven Jubt hatten noch laufende Verträge.
So weit, so normal. Dass sich ein halbes
Dutzend Spieler Bedenkzeit erbat, auch das
war nach Täubers und Camcis Empfinden völlig
in Ordnung. Mittlerweile aber ist diese
Bedenkzeit abgelaufen. „Und zwar mehr als
einmal“, wie es Camci sauer aufstößt. Was
fehlt, sind klare Aussagen der Spieler, von
klaren Bekenntnissen zur Westfalia ganz zu
schweigen. „Dieses Rumgeeier geht mir auf
den Keks“, zürnt Camci. „Soll das die
Fairness sein, welche die Spieler vom Verein
einklagen? Irgendwann ist Feierabend.“
Auch für Täuber ist die „Deadline bald
erreicht“. Aktuell geht er nicht davon aus,
dass überhaupt einer aus der Gruppe der
Unentschlossenen beim SCW bleibt.
Beispiel Christopher Ditterle. Keine 24
Stunden, nachdem er am Sonntag Abend seine
Zusage gab, zog er sie per SMS wieder
zurück. Zuletzt habe der Torwart in einem
weiteren Gespräch mit dem Trainer die
Chance, in Herne zu bleiben, auf 40 zu 60
beziffert. „Natürlich sehen wir uns jetzt
nach einem anderen Torwart um“, will Täuber
seine Geduld nicht länger strapazieren.
Akpo wechselt nach Köln
Beispiel Ouro-Akpo. Erst hieß es, er könne
aus finanziellen Gründen nicht bleiben. Dann
legte Herne noch etwas drauf, und der
togolesische Nationalstürmer sagte
telefonisch zu. Um einen Tag später einen
Zweijahresvertrag beim Ligarivalen Fortuna
Köln zu unterschreiben. „So viel ist ein
Wort wert, wenn ein anderer Verein mit
Scheinen wedelt“, sagt Täuber nüchtern.
Marko Onucka wollte sich angeblich Mittwoch
im Probetraining beim FC Schalke 04 II
vorstellen. Beim Wuppertaler SV möchte Nils
Eisen vorspielen. Ob Norman Seidel, den
Täuber sehr gern halten würde, das Angebot
annimmt, steht in den Sternen. Auch von
Mirko Urban fehlt eine klare Äußerung. Die
hat Täuber inzwischen von Andreas Kluy
erhalten. Der Allrounder möchte den Verein
verlassen.
Es sieht also nach einem totalen Neuaufbau
aus am Schloss Strünkede. Und den geht die
sportliche Leitung in großer Einigkeit an.
„Wir müssen wohl viele neue Korsettstangen
holen“, meint Trainer Täuber. Und der
Sportliche Leiter sagt es ähnlich. „Wir
werden uns jetzt darum kümmern, eine
komplett neue Mannschaft aufzubauen.“
Die Verpflichtung von Innenverteidiger Tino
Westphal, der in Recklinghausen lebt und
über Hüls, Oberhausen und Siegen zum Schloss
kommt, war ein erstes Zeichen. Camci und
Täuber haben jedenfalls genügend Namen auf
dem Zettel. Auch die eine oder andere Zusage
liegt schon vor von Spielern, die mit
Rücksicht auf ihren derzeitigen Verein noch
nicht genannt werden wollen.
Verrückt machen lassen sich die
Verantwortlichen deshalb nicht. „Teil eins
der Kaderplanung ist so gut wie
abgeschlossen. Ab jetzt werden wir den Markt
genau sondieren und schauen, wer zu uns
passt“, bleibt Täuber gelassen. Trotz aller
Ernüchterung.
Wolfgang Volmer
Quelle:
WAZ
Herne