PRESSE

Viele Fragen offen
 

13.08.10

Dieses Auftaktspiel hatten sie sich gewünscht. Ob der SC Westfalia Herne aber wirklich in der Lage ist, am Sonntag ausgerechnet gegen seine Velberter „Filiale“ einen gelungenen Saisonstart hinzulegen, steht doch sehr in Frage. Zu schwankend waren die Herner Leistungen in der Vorbereitung, zu instabil wirkt derzeit noch das neue Gefüge, an dem Trainer Klaus Täuber baut. Kein Wunder, muss er doch zehn externe Neuzugänge und vier Jugendspieler mit nur sieben verbliebenen Ak­teuren zu einer Einheit formen. Und das dauert. Ein grobes Gerüst hat Täuber zwar schon zusammengezimmert, aber bis wirklich alles passt, bis die Laufwege abgestimmt sind und die Automatismen greifen, werden noch Wochen, ja Monate ins Land gehen.



Im Grunde wissen das alle Beteiligten, haben sich bei der Formulierung der Saisonziele deshalb auch zurückgehalten. Wenn ein einstelliger Tabellenplatz her­ausspringen würde, wäre man am Schloss zufrieden. Auch von der Konkurrenz wird der SCW nicht hoch gehandelt.

Von daher lastet kein allzu großer Druck auf der Mannschaft. Das kann sich aber schnell ändern. Wenn der Start verpatzt wird, die Herner in Abstiegsgefahr geraten und die Zuschauer schimpfen oder gar ausbleiben, könnte sich die Situation schnell zuspitzen.

Doch dazu muss es nicht kommen. In einigen Partien hat die neue Mannschaft ja bereits bewiesen, dass sie guten Fußball spielen kann. Noch lässt sich aber schwer abschätzen, wo ihre Stärken, wo ihre Schwächen liegen. Allenfalls einige Trends zeichnen sich ab. Hier eine gewollt subjektive Einschätzung:

In elf Tests, Pokalspiele eingerechnet, bekam jeder Spieler genug Möglichkeiten, sich für einen Stammplatz zu empfehlen. Weil Frederick Donkor und Julian Alasan wegen alter Verletzungen ganz, Mirko Urban und Goran Mikic überwiegend ausfielen, waren und sind die Alternativen allerdings sehr überschaubar.

Torhüter: Mit Pascal Kurz und den Eigengewächsen Thimo Mallon und Marvin Lange sind die Herner im Tor gut besetzt. Mallon ließ in Kornharpen einen „Haltbaren“ durchrutschen, überzeugte ansonsten aber durch gute Reflexe, intelligentes Mitspielen und souveräne Ausstrahlung. Dennoch dürfte Täuber zunächst auf den erfahreneren Kurz setzen, der in Herne bislang einen soliden Eindruck macht.

Abwehr: Kapitän Nils Eisen ist als Innenverteidiger eine feste Größe. Die Abstimmung mit seinem Nebenmann Sebastian Krug muss allerdings besser werden. Goran Mikic konnte sich auch wegen seiner vielen Blessuren nicht aufdrängen. Problematisch ist die Besetzung der Außenpositionen. Ludwig Asenso ist vom Typ her eher Innenverteidiger, zweikampfstark, aber in den Offensivaktionen beschränkt. Mehr Dampf macht der giftige Sa­med Sazoglu, der sich mit einer starken Vorbereitung nah an die erste Elf spielte. In Hordel unterliefen ihm aber zuletzt einige – für einen jungen Spieler verzeihliche – Fehler. Auf der linken Seite ist Tim Kilian gesetzt, obwohl der im defensiven Mittelfeld besser aufgehoben wäre. Echte Alternativen bietet der Kader auf dieser Position nicht.

Mittelfeld: Als Sechser hat Tino Westphal im Team gleich eine Führungsrolle übernommen. Er ist stark in der Spieleröffnung, schießt aus der zweiten Reihe, variiert das Tempo. Kampf- und laufstark, aber spielerisch limitiert ist Faysel Khmiri. Sazoglu, Fatih Gürpinar, Danny Tottmann oder doch Kilian könnten ebenfalls einen Defensivpart übernehmen. Unverzichtbar für die Offensive ist Mirko Urban, der sich jedoch mit muskulären Problemen plagt. Auch Erdal Bastürk hat kreatives Potenzial, ist technisch versiert und dribbelstark, aber torungefährlich. Ähnlich wie Sebastian Freyni. Er kann mit dem Ball alles, muss sich aber langsam entscheiden, ob er Fußballer oder Balletttänzer sein will. Enttäuscht hat bislang Selcuk Dede. Ihm merkt man an, dass er in den letzten Jahren wenig oder unterklassig gekickt hat. Vielleicht fehlt ihm auch nur die Fitness, um an alte Klasse anzuknüpfen. Julian Alasan hat sich in der Vorbereitung noch gar nicht zeigen können.

Angriff: Mit Sven Jubt und René Lewejohann stehen zwei „Stoßstürmer“ im Kader. Jubt hat einen ausgepägten Torriecher, bewegt sich aber wenig und ist oft kaum anspielbar. Lewejohann ist aggressiv, geht drauf, scheut keinen Zweikampf – kommt wegen technischer Mängel aber selten zum Abschlusss. Eine ideale Ergänzug zu einem der beiden wäre der wuselige Michael Erzen, der durch Laufarbeit viele Lücken reißt. Dem früheren Goalgetter fehlt aber derzeit der Zug zum Tor, so dass ihn Täuber zuletzt auf die linke Außenbahn stellte. Ob Frederick Donkor nach fast halbjähriger Verletzungspause noch mal den Anschluss schafft und eine Alternative wird, ist offen.

Im Laufe der Vorbereitung ist Täuber vom ursprünglich geplanten System abgerückt. Statt mit zwei Sechsern und zwei offensiven Außen ließ er im Mittelfeld mit einer Raute spielen. Im Grunde opferte der Trainer damit einen defensiven gegen einen fünften offensiven Spieler – was nach zwei gelungenen Versuchen in Hordel böse bestraft wurde. Beide Systeme, aber auch ein 4-2-3-1 als Variante hat Täuber einstudieren lassen. Welches er spielen lässt, hängt vom Gegner, aber auch von Form und Fitness seiner eigenen Spieler ab.

Die Mannschaft wirkt robust, physisch stark und motiviert, hat in ihren Reihen aber auch etliche spielstarke Akteure. Auch die Mischung zwischen Jung und Alt stimmt. Einiges muss aber noch zusammenwachsen. Das Umschalten nach Ballverlust dauert zu lange, der SCW ist anfällig für Konter. Oft steht der Defensivverbund nicht kompakt genug, lässt viel Platz für Pässe in die Schnittstellen. Verbesserungswürdig sind das Kopfballspiel in der Offensive und die Standardsituationen.

Mit dem Abstieg sollte Herne nichts zu tun bekommen, Platz 10 bis 14 ist drin.

von Wolfgang Volmer

Quelle: WAZ Herne
 

 

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