Völlig
losgelöst tanzten sie vor der Tribüne,
strahlend lagen sie sich in den Armen.
Beinahe fassungslos vor Glück feierten 13
erschöpfte Westfalia-Spieler und ihre vom
Mitzittern ebenso mitgenommenen Trainer und
Kollegen mit den jubelnden Fans einen schier
unglaublichen Sieg. Drei Minuten vor Schluss
noch lagen die Herner am Boden, als Nigbur
die Gäste verdient in Führung gebracht
hatte. Doch mit unbändigem Willen schaffte
der SCW nicht nur den Ausgleich, er setzte
auch noch eins drauf. Und auch das war
verdient, weil es ein Lohn war für
großartige Moral.
„Mir zittern jetzt noch die Hände“, war
Klaus Täuber noch Minuten nach dem
Schlusspfiff fix und fertig. Und René
Lewejohann, der beide Tore vorbereitete,
klopfte sich immer wieder auf die entblößte
breite Brust. „Das ist Herz. Nur so gewinnt
man Spiele“, wollte er alle Welt umarmen.
Dass die Auftaktbegegnung der NRW-Liga gegen
die mit sieben früheren Hernern beginnende
SSVg. Velbert ein Spiel werden würde, an das
sich wohl nicht nur Trainer Täuber auf immer
und ewig erinnern wird, war eine Stunde lang
eher nicht zu erwarten. Die erste Hälfte war
wie das Wetter: ziemlich schaurig. Beide
Mannschaften neutralisierten sich
weitgehend, beide waren gut organisiert,
standen kompakt, ließen fast nichts zu.
Velbert kombinierte flüssiger, die beste
Chance aber hätte sich den Hernern geboten –
wenn nicht Felix Schmitz eine
3:1-Überzahlsituation wegen angeblichen
Foulspiels von Sven Jubt zurückgepfiffen
hätte. Nicht nur in der Beurteilung dieses
Zweikampfs sahen sich die Gastgeber durch
den Schiedsrichter nicht ganz zu Unrecht
benachteiligt.

Der
starke SCW-Keeper Pascal Kurz fängt eine
Velberter Flanke ab.
Gleichwohl ging das 0:0 zur Pause absolut in
Ordnung. Im Laufe der zweiten Hälfte wurde
es für den SCW immer glücklicher. André
Badur, den Ludwig Asenso ansonsten gut im
Griff hatte, stahl sich in der 48. Minute
frei, zog aber aus halblinker Position knapp
am langen Eck vorbei. Es war wie der
Anfangstakt der Kreuzberger Nächte: „Erst
fing’se janz langsam an, aber dann, aber
dann“. Plötzlich nahm die Partie immer mehr
Fahrt auf, beide Seiten suchten jetzt
häufiger den Abschluss. Mitte der zweiten
Halbzeit schienen die Herner Kräfte zu
erlahmen. Gleich zweimal hatte der kurz
zuvor für Marko Onucka eingewechselte
Sebsatian Janas das 1:0 für Velbert auf dem
Fuß, doch zweimal versagte er im Abschluss
kläglich und schaufelte die Kunststoffkugel
aus wenigen Metern über das leere Herner
Tor. SSVg-Trainer Frank Schulz hätte sich
gerne die Haare gerauft...
Bei weiteren dicken Chancen durch Nigbur und
Janas bewahrte der starke SCW-Keeper Pascal
Kurz sein Team vor dem Rückstand. Als alles
auf ein für Herne glückliches 0:0
hinauslief, passierte es doch. Nachtigall
schlug den Ball einfach hoch in den
Strafraum, Nigbur war zur Stelle und ließ
Kurz aus fünf Metern keine Chance. Es hieß
0:1, und auf der Tribüne sackte mancher
Herner Fan in sich zusammen.
Auf dem Platz aber war die Reaktion eine
andere: Keiner dachte ans Aufgeben, jeder
mobilisierte die letzten Kräfte. Und das
lohnte sich. Lewejohann verlängerte per Kopf
in den Lauf von Erzen, der vernaschte
Seidel, wurde vom Ex-Herner zu Boden
gerissen, den fälligen Strafstoß verwandelte
Nils Eisen souverän. Ganz Herne jubelte
erleichtert auf.

Nils Eisen hat keine Probleme gegen den
unsicheren Velberter Torhüter zum 1:1
auszugleichen.
Doch es sollte noch besser kommen. Tim
Kilian fing den Ball nach Velberts
Wiederanstoß ab und initiierte eine
traumhafte Direktkombination über fünf
Stationen, die Sven Jubt eiskalt abschloss.
Noch einmal durften die Gäste anstoßen, dann
pfiff Schmitz ab. Und der Rasen wurde zum
Rummelplatz. Kirmeszeit.

"Kirmeszeit" nach dem Schlusspfiff: 100% SCW
- 100% Kult!!!
Fotos: InfoSchlumpf
SC Westfalia Herne - SSVg. Velbert 2:1 (0:0)
SCW: Kurz -
Asenso, Krug, Eisen, Kilian - Westphal -
Jubt, Bastürk, Urban (82. Sazoglu) - Erzen,
Lewejohann
Velbert: Ditterle - Barton, Eraslan, Onucka
(55. Janas), Kluy - Nachtigall, Badur -
Tumanan - Seidel, Nigbur
Tore: 0:1 Nigbur (87.), 1:1 Eisen (89.,
Foulelfmeter), 2:1 Jubt (90.)
Zuschauer:700.
von Wolfgang Volmer
Quelle: WAZ Herne