PRESSE

Voll der Wahnsinn
 

16.08.10

Völlig losgelöst tanzten sie vor der Tribüne, strahlend lagen sie sich in den Armen. Beinahe fassungslos vor Glück feierten 13 erschöpfte Westfalia-Spieler und ihre vom Mitzittern ebenso mitgenommenen Trainer und Kollegen mit den jubelnden Fans einen schier unglaublichen Sieg. Drei Minuten vor Schluss noch lagen die Herner am Boden, als Nigbur die Gäste verdient in Führung gebracht hatte. Doch mit unbändigem Willen schaffte der SCW nicht nur den Ausgleich, er setzte auch noch eins drauf. Und auch das war verdient, weil es ein Lohn war für großartige Moral.

„Mir zittern jetzt noch die Hände“, war Klaus Täuber noch Minuten nach dem Schlusspfiff fix und fertig. Und René Lewejohann, der beide Tore vorbereitete, klopfte sich immer wieder auf die entblößte breite Brust. „Das ist Herz. Nur so gewinnt man Spiele“, wollte er alle Welt umarmen.

Dass die Auftaktbegegnung der NRW-Liga gegen die mit sieben früheren Hernern beginnende SSVg. Velbert ein Spiel werden würde, an das sich wohl nicht nur Trainer Täuber auf immer und ewig erinnern wird, war eine Stunde lang eher nicht zu erwarten. Die erste Hälfte war wie das Wetter: ziemlich schaurig. Beide Mannschaften neutralisierten sich weitgehend, beide waren gut organisiert, standen kompakt, ließen fast nichts zu. Velbert kombinierte flüssiger, die beste Chance aber hätte sich den Hernern geboten – wenn nicht Felix Schmitz eine 3:1-Überzahlsituation wegen angeblichen Foulspiels von Sven Jubt zurückgepfiffen hätte. Nicht nur in der Beurteilung dieses Zweikampfs sahen sich die Gastgeber durch den Schiedsrichter nicht ganz zu Unrecht benachteiligt.


Der starke SCW-Keeper Pascal Kurz fängt eine Velberter Flanke ab.

Gleichwohl ging das 0:0 zur Pause absolut in Ordnung. Im Laufe der zweiten Hälfte wurde es für den SCW immer glücklicher. André Badur, den Ludwig Asenso ansonsten gut im Griff hatte, stahl sich in der 48. Minute frei, zog aber aus halblinker Position knapp am langen Eck vorbei. Es war wie der Anfangstakt der Kreuzberger Nächte: „Erst fing’se janz langsam an, aber dann, aber dann“. Plötzlich nahm die Partie immer mehr Fahrt auf, beide Seiten suchten jetzt häufiger den Abschluss. Mitte der zweiten Halbzeit schienen die Herner Kräfte zu erlahmen. Gleich zweimal hatte der kurz zuvor für Marko Onucka eingewechselte Sebsatian Janas das 1:0 für Velbert auf dem Fuß, doch zweimal versagte er im Abschluss kläglich und schaufelte die Kunststoffkugel aus wenigen Metern über das leere Herner Tor. SSVg-Trainer Frank Schulz hätte sich gerne die Haare gerauft...

Bei weiteren dicken Chancen durch Nigbur und Janas bewahrte der starke SCW-Keeper Pascal Kurz sein Team vor dem Rückstand. Als alles auf ein für Herne glückliches 0:0 hinauslief, passierte es doch. Nachtigall schlug den Ball einfach hoch in den Strafraum, Nigbur war zur Stelle und ließ Kurz aus fünf Metern keine Chance. Es hieß 0:1, und auf der Tribüne sackte mancher Herner Fan in sich zusammen.

Auf dem Platz aber war die Reaktion eine andere: Keiner dachte ans Aufgeben, jeder mobilisierte die letzten Kräfte. Und das lohnte sich. Lewejohann verlängerte per Kopf in den Lauf von Erzen, der vernaschte Seidel, wurde vom Ex-Herner zu Boden gerissen, den fälligen Strafstoß verwandelte Nils Eisen souverän. Ganz Herne jubelte erleichtert auf.


Nils Eisen hat keine Probleme gegen den unsicheren Velberter Torhüter zum 1:1 auszugleichen.

Doch es sollte noch besser kommen. Tim Kilian fing den Ball nach Velberts Wiederanstoß ab und initiierte eine traumhafte Direktkombination über fünf Stationen, die Sven Jubt eiskalt abschloss. Noch einmal durften die Gäste anstoßen, dann pfiff Schmitz ab. Und der Rasen wurde zum Rummelplatz. Kirmeszeit.


"Kirmeszeit" nach dem Schlusspfiff: 100% SCW - 100% Kult!!!                                                             Fotos: InfoSchlumpf
 

SC Westfalia Herne - SSVg. Velbert 2:1 (0:0)

SCW: Kurz - Asenso, Krug, Eisen, Kilian - Westphal - Jubt, Bastürk, Urban (82. Sazoglu) - Erzen, Lewejohann

Velbert: Ditterle - Barton, Eraslan, Onucka (55. Janas), Kluy - Nachtigall, Badur - Tumanan - Seidel, Nigbur

Tore: 0:1 Nigbur (87.), 1:1 Eisen (89., Foulelfmeter), 2:1 Jubt (90.)

Zuschauer:700.


von Wolfgang Volmer

Quelle: WAZ Herne

Fotoalbum von InfoSchlumpf
 

 

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