Der Fußball spielt verrückt in diesen Tagen,
nicht nur in der Bundesliga. Auch das
gestrige Geschehen am Schloss Strünkede
entzog sich jeder fachlichen Analyse. Meinte
jedenfalls Klaus Täuber. „So etwas kann man
einfach nicht erklären. Es passiert eben“,
empfand der SCW-Trainer die Partie gegen
Aufsteiger Rhynern als Mysterium. Eine
Partie, in der die Fans zur Pause nur auf
die Höhe des Herner Sieges wetteten – um am
Ende glücklich und dankbar über einen Punkt
nach Hause zu gehen.
Über die erste Halbzeit gab es aus Herner
Sicht nichts zu meckern. Sicher, die
Anfangsphase gehörte den Gästen, die gleich
mit ihrem ersten gefährlichen Vorstoß durch
den von Ludwig Asenso nie zu
kontrollierenden Schiller in Führung gingen.
Doch nach zehn, fünfzehn Minuten bekamen die
Platzherren das Spiel in den Griff und
entwickelten viel Druck auf das Rhynerner
Tor. Schon nach Asensos feinem Pass in die
Gasse zu Sven Jubt hätte der Ausgleich
fallen müssen, doch der junge Stürmer
scheiterte an Torwart Wegner, und Mirko
Urbans Nachschuss schlug Schmidt noch von
der Linie (13.).

Es brennt im Rhynerner Strafraum
Foto: InfoSchlumpf
Nun aber hatte die Täuber-Elf ihren Rhythmus
gefunden. Angriff auf Angriff rollte auf das
Gäste-Tor, und bereits in der 21. Minute
erzielte Urban aus kurzer Distanz den
Ausgleich. Wenig später strich ein
abgefälschter Westphal-Freistoß am Pfosten
vorbei. So war es erneut Urban, der die
inzwischen verdiente Herner Führung
markierte. Mit vollem Risiko hielt der
kleine Techniker vom Strafraum-Eck drauf und
traf unhaltbar flach ins lange Eck. Und auf
der Tribüne gab es keine zwei Meinungen: Der
SCW war in einem schnellen, gutklassigen
Spiel trotz einer nicht immer sattelfesten
Deckung die eindeutig bessere Mannschaft.
Woran sich auch nach Wiederbeginn zunächst
nichts zu ändern schien. Kaum zurück auf dem
morastigen Platz, vergab Tino Westphal, von
Urban fantastisch freigespielt, das mögliche
3:1. Plötzlich aber war alles anders. Nach
siebenminütiger Pause, die
Schiedsrichterassistent Vasili Nedic zur
Behandlung einer Wadenverletzung brauchte,
war die Täuber-Elf nicht mehr
wiederzuerkennen. Plötzlich gingen fast alle
Zweikämpfe verloren, kaum noch ein Pass
landete beim Mitspieler, immer wieder musste
die Mannschaft aus der Vor- in die
Rückwärtsbewegung umschalten. Und das
kostete jede Menge Kraft auf dem tiefen
Boden. Einmal noch hatte der SCW die Chance,
die Partie vorzeitig zu entscheiden. Doch
René Lewejohann, der nach starker erster
Hälfte abbaute, traf aus der Drehung den
Ball nicht voll (62.) – es sollte die letzte
gute Herner Chance bleiben.
Danach spielte nur noch eine Westfalia: die
aus Rhynern. Mehrfach lag der Ausgleich in
der Luft, doch entweder zielten die Gäste
schlecht, oder Pascal Kurz war auf dem
Posten. In der 84. Minute aber war auch
Hernes Bester machtlos. Nils Eisen war einen
Konter mitgelaufen, die Absicherung
funktionierte nicht, und nach Tahiris
schnellem Pass konnte erneut Schiller aus 16
Metern Maß nehmen. Zwei Punkte waren futsch.
Und es begann das große Zittern. Zwei-,
dreimal noch musste Kurz retten, sonst wäre
auch der dritte Punkt noch flöten gegangen.
Und Klaus Täuber hätte das Spiel kaum unter
„Fußball verrückt“ abgehakt.
SC Westfalia Herne - Westfalia Rhynern 2:2
SCW: Kurz – Asenso (80. Sazoglu), Krug,
Eisen, Kilian – Westphal – Urban, Bastürk
(77. Pachutzki), Erzen – Lewejohann, Jubt.
Westfalia Rhynern: Wegner – Naßhan, Schmidt,
Kaleoglu, Maier – Dej (67. Lipki), Tahiri –
Gehrmann, Schiller – Traufetter, Buschening.
SR: Martin Gropengießer (Hemer).
Tore: 0:1 Schiller (7.), 1:1, 2:1 Urban
(23., 37.), 2:2 Schiller (85.).
Zuschauer: 400.
von Wolfgang Volmer
Trainerstimmen:
Michael Lusch (Rhynern):
In der ersten Viertelstunde hat meine
Mannschaft richtig gut Fußball gespielt,
dann war es 30 Minuten wie abgeschnitten.
Die zweite Hälfte war eindrucksvoll. Da hat
jeder Mut gehabt und die Ehrfurcht abgelegt.
Wir sind Aufsteiger, aber wir brauchen uns
in der Liga absolut nicht zu verstecken.
Klaus Täuber (SCW): Wir haben zwei
Gesichter gezeigt. Wenn wir zur Pause mit
zwei, drei Toren führen, hätte sich Rhynern
nicht beschweren können. In der zweiten
Hälfte ist meine Mannschaft gar nicht auf
dem Platz gewesen. Nach der Sache mit dem
Assistenten ist sie in einen kollektiven
Tiefschlaf gefallen. Dass eine Mannschaft
ein Spiel so im Griff hat und dann so den
Faden verliert, geht gar nicht.
Quelle: WAZ Herne