Das Stadion von Westfalia Herne hat einen
neuen Namen. Den keiner kennt. Erstmals in
der Geschichte des deutschen Fußballs
verloste ein Verein seinen Platz, erreichte
dann aber den Taufpaten nicht, um ihn nach
seinem Wunschnamen zu fragen. Die einst so
ruhmreichen Herner – was soll man sagen,
2010 sind sie Amateure.
Der Gewinner ist also nicht da, viele andere
sind allerdings auch nicht gekommen. Nicht
mal die Aussicht auf ein „eigenes Stadion“
hat mehr Zuschauer in dasselbe gelockt: 405
meldet die Kasse. „Bochum spielt, Dortmund
spielt, und das ist das Ergebnis: scheiße“,
heißt es im VIP-Raum bei Frikadellen und
frittierten Hühnerbeinen. „Wer kommt da noch
zu uns?“, fragt Vorsitzender Horst Haneke.
An diesem Tag der FC Wegberg-Beeck. Dies ist
die fünfte Liga, „und die bringen keine Fans
mit“. Geld auch nicht. Haneke ist froh, dass
er die zweite Würstchenbude nicht
aufgeschlossen hat, „lohnt sich nicht“. Die
Losaktion schon, sagt Manager Ingo
Finkenstein. Vor genau einem Jahr drohte dem
Verein die Pleite, nun haben sie 1528 Lose
verkauft zu 20 Euro das Stück. 1500 war das
Mindeste, „verdammt knapp“, aber mit den 30
560 Euro wollen sie jetzt die Lücken aus der
Vorsaison stopfen. Finkenstein sagt:
„Vorübergehend hilft’s“, für die Rückrunde
habe er weitere Ideen. Zufall wohl, dass die
Lautsprecher kurz vor dem Anpfiff Aloe
Blacc’s „I need a dollar“ spielen.
„Herne ist für alles gut“, hat der Vorstand
gesagt und sich selbst samt Aktion „mutig“
genannt. Tatsächlich hat er auch am Sonntag
eine Menge versucht. In der Halbzeitpause
baut er eine Standleitung zum Strand von
Alicante auf (Sonne, 25 Grad), wo die
Festplatte mit den Daten aller Loskäufer
samt ihrer Besitzerin gerade Urlaub macht.
Der Manager persönlich geht am Anstoßkreis
in die Knie, um im feuchten Rasen die
Telefonnummer zu notieren – aber dann: geht
der Ruf von Herne in die Welt, aber der
Gewinner nicht dran. Tobias Hölkenbrink
heißt er, ist aus Münster und derzeit in
Hamburg unterwegs.

Ausgelost: Gewonnen hat das Los Nr. 0231 von
Tobias Hölkenbrink aus Münster, der aber am
Sonntag telefonisch nicht erreicht werden
konnte. Von links: OB Horst Schiereck,
Vorsitzender Hortst Haneke, Manager Ingo
Finkenstein. Foto: InfoSchlumpf
Nach der Idee vom „Vorname-Nachname-Stadion“
könnte der Platz bald „Tobias Hölkenbrink“
heißen, aber vielleicht hat der Münsteraner
auch eine Freundin, eine Oma oder einen
Hund: „Ich möchte gar nicht an alle
Möglichkeiten denken“, sagt Haneke. „Bobo
Siebenschläfer“ hat sich ein Kind gewünscht,
von „Lutz Gerresheim“ sprechen zwei Männer,
einem Herner Talent aus den 70ern. „Hans
Tilkowski“ hat jemand wiederholt, aber das
war ein Scherz, und zwar ein schlechter.
Denn Tilkowski, wohl berühmtester aller
Westfalen „kümmert sich doch überhaupt nicht
mehr um den Verein“.
Einer, der sein „ganzes Leben hier
verbracht“ hat, dessen Hund sogar einst an
die Eckfahne pinkelte, hätte gern „Peters
Arena“, auch wenn seine Frau Helga heißt,
ein Ordner gern den Namen seines Ladens:
„Golden Outlet klingt doch besser als
Fischer.“ Den Spielern, war im Vorfeld zu
hören, sei der Name im übrigen egal,
schließlich bleibe „der Platz derselbe“. Was
eine Mehrheit in der Tat dazu bringt, an
Bewährtem festzuhalten: „Für immer und
ewig“, übertönen sie die Ziehung, „Stadion
am Schloss“. Nur hat der Manager gesagt:
„Ich kann auch nicht den Fernseher von
meiner Oma behalten, weil er ja ganz schön
ist.“
Der Oberbürgermeister, der das große Los
gezogen hat, hätte das Stadion übrigens
„Horst Schiereck seine Frau ihr Stadion“
genannt, aber das, da hat er Recht, ist „ein
alter Schalker Witz“. Und „Schalke“ hätten
sie nicht genommen, „Borussia“ auch nicht
und übrigens schon gar nicht „Wanne-Eickel“:
Das hätte gegen die guten Sitten des Vereins
verstoßen, sagt Manager Finkenstein. „Und
wir haben gute Sitten!“ Unter anderem die,
den Gewinner nach acht Uhr am Abend nicht
mehr anrufen zu wollen.
Dennoch: „Herne lebt!“, betont der Manager
oft an diesem Tag, auch wenn das Stadion
ohne Namen nicht ganz danach aussieht. Bald,
so steht es auf Plakaten, kommt Rot-Weiss
Essen ins „Stadion am Schloss Strünkede“.
Wie auch immer der Platz bis dahin heißt,
zumindest wird er noch am angestammten Platz
sein.
von Annika Fischer
Quelle:
WAZ
Herne