PRESSE

Die erste Lektion
 

08.08.11

Rums, das saß. Gleich zum Auftakt der NRW-Liga-Spielzeit handelte sich der SC Westfalia Herne einen krachenden Tiefschlag ein und landete unsanft auf dem Boden. Trainer Uli Reimann hatte sich auch am Tag nach dem 0:4-Heimdebakel gegen Aufsteiger KFC Uerdingen noch nicht komplett berappelt. „Das war nicht so schön. Nicht nur wenn man vor 1500 Zuschauern spielt, zeigt man sich gern von einer anderen Seite“, haderte er mit dem Auftritt seiner Mannschaft, den er als „zu lieb und zu anständig“ bezeichnete.

In der ersten Enttäuschung hatte der 48-Jährige nach dem Spiel noch deftigere Worte gewählt. Als „Kindergarten“ bezeichnete er seine junge Truppe, die es gegen einen abgezockten Gegner an der nötigen Aggressivität habe fehlen lassen. „Vielleicht war das überzogen. Heute würde ich eher von Schulmannschaft sprechen“, korrigierte sich der Herner Coach jedoch nur unwesentlich. Zugleich schwante ihm, dass er mit einer extrem offensiven Aufstellung dem naiven Verhalten auf dem Rasen ein Stück weit Vorschub geleistet hatte.

Insbesondere in Hälfte eins rannten die Herner ins offene Messer. Weil sie im Mittelfeld respektvoll Abstand zu ihren Gegnern hielten und stets einen Schritt zu spät kamen, konnten die ballsicheren, individuell wie kollektiv besseren Krefelder fast ungestört ihr Spiel aufziehen. Nutznießer war vor allem Jochen Höfler, der in weniger als einer halben Stunde den ersten Hattrick der Saison produzierte und nach der Pause auch das vierte Tor nachlegte. „Sicher ist das ein Ausnahmestürmer. Aber so leicht darf man es ihm auch nicht machen“, war Reimann ob des dilettantischen Abwehrverhaltens entsetzt.


Mit vereinten Kräften gegen überlegene Krefelder: v.l.: Tino Westphal, Sven Gehrmann, Valery Senge, Nicolas Stevanovic. Foto: Cib

Beim 0:1 (17.) war es Nicolas Stevanovic, der den Weg zurück verweigerte und Robin Gallus in eine 1:2-Unterzahlsituation zwang. Ahmet Isiklar und Kosi Saka hatten gegen den jungen Linksverteidiger leichtes Spiel, und Höfler musste nur noch vollstrecken.

Diesen Schock steckte der SCW jedoch schnell weg, und es folgte die beste Phase im Herner Spiel. Die Reimann-Elf wurde fast gleichwertig, agierte teilweise gefällig nach vorn, kam aber nur selten zum Abschluss. Ihre größte Schwäche aber konnte sie nie abstellen: Das Spiel „gegen den Ball“ blieb stümperhaft, weil es einigen an der nötigen Laufbereitschaft fehlte. Die Quittung stellte Höfler mit einem Doppelschlag (37./39.) aus. „Gerade wenn man mit Dreierkette und nur einem Sechser spielt, muss jeder Mittelfeldspieler lange Laufwege gehen, um die Räume hinten zu schließen“, kritisierte Reimann – und nahm besonders Tino Westphal aufs Korn. „Er hat mich enttäuscht. Sicher, er war vorher verletzt. Aber wenn er sich fit meldet, muss ich von ihm mehr erwarten“, ärgerte ihn das zahme Zweikampfverhalten seines „Leitwolfs“, der zur Pause dann wie Robin Gallus in der Kabine bleiben durfte.

Später korrigierte Reimann auch sein System, zog Samed Sazoglu zurück und schloss so die Viererkette. Damit wirkte der SCW insgesamt stabiler. An eine Wende war nach dem 0:3-Pausenstand aber nie zu denken, zumal Höfler nach einem verunglückten Kurz-Abstoß gleich noch einmal zuschlug. Immerhin erspielte sich auch der SCW noch die eine oder andere Gelegenheit, doch sowohl der agile Adrian Skupin als auch Evangelios Skramparas fanden in KFC-Keeper Lenz ihren Meister.

Aber auch wenn ihm diese Klatsche mächtig stank, sieht Reimann sie als wichtige Etappe im notwendigen Reifungsprozess seiner Elf: „Die Jungs müssen begreifen, dass jeder Zweikampf entscheidend ist, egal wo auf dem Rasen er stattfindet.“ Am Sonntag bei Olaf Thons VfB Hüls schon können die Herner beweisen, dass sie diese erste Lektion der Saison kapiert haben. Es dürfte nicht die letzte sein.

Quelle: WAZ Herne
 

 

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